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  • Der syrische Staat und der Geist des Proletariats

    Der syrische Staat und der Geist des Proletariats

    Ein wenig Kontext

    2009 lebte ich für drei Monate im Viertel Tadamon in den Außenbezirken von Damaskus. Ich lebte mit einem jungen Kurden zusammen, der sowohl das syrische Regime als auch die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) aufgrund ihrer Verbindungen hasste. Mit einem wertlosen Abschluss im Gepäck träumte er davon, nach Europa zu gehen. Ich verbrachte meine Tage im Viertel/Lager Yarmouk, das an Tadamon angrenzt, wo ich mit einem kleinen, ständig wechselnden Kreis junger Palästinenser:innen aus dem Lager abhing: aufgewachsen in Arbeiter:innenfamilien mit wenig religiösem Hintergrund, politisiert, nach außen gerichtet, Haschisch rauchend, mit ausländischen Mädchen flirtend (oft englischsprachig), pleite, aufstrebende Künstler:innen, die alle versuchten, sich dem Militärdienst zu entziehen.

    Tadamon war ein „informelles“ Viertel: Einige Gebäude hatten zwar Eigentumstitel, aber 90 Prozent wurden ohne Genehmigung gebaut. Die Bevölkerung setzte sich aus Arbeiter:innen zusammen, die aus der Landwirtschaftsregion Ghouta in der Nähe von Damaskus gekommen waren, ehemalige Bäurer:innen, die sich ein oder zwei Generationen zuvor der industriellen Reservearmee im Umfeld der Großstadt angeschlossen hatten. Offizielle Statistiken sprechen in Bezug auf Tadamons Bevölkerung von 80.000, weniger offizielle Quellen gingen jedoch von 200.000 Seelen aus.

    In diesem Vorort war die Kontrolle durch das Regime weniger sichtbar – eine „Peripherie“, wie Soziologen es nennen, die stets darauf bedacht war, sich auf der richtigen Seite der Grenze zu bewegen. Im Jahr 2011 begannen sich Versammlungen zu bilden. Sie bewaffneten sich nach und nach, und das Viertel entglitt vollständig der Kontrolle der Sicherheitskräfte. Von 2012 an war die Hälfte Tadamons in den Händen des Aufstandes. 2013 fand ein furchtbares Massaker statt: 280 Zivilist:innen wurden durch den Militärgeheimdienst entführt und umgebracht, ihre Leichen wurden in Massengräbern verbrannt. Dies war nur die Spitze des Eisbergs von Entführungen, Morden, Erpressungen, Bombenangriffen und Zwangsräumungen, die das Viertel sechs Jahre lang heimgesucht hatten.

    Das Regime erlangte 2018 die Kontrolle über Tadamon zurück, das mittlerweile beinahe vollständig seiner Bewohner:innen beraubt und in Ruinen verwandelt worden war. Im selben Jahr, während die meisten bewaffneten Gruppen um Damaskus und Daraa ihre Waffen niedergelegt hatten, zwang die Verordnung Nr. 10 desselben Jahres Geflüchtete dazu, Eigentumstitel vorzulegen, um zurückkehren zu können. In diesen selbsterrichteten Vierteln existierten solche Titel  jedoch schlicht nicht und das Land wurde beschlagnahmt und an Firmen versteigert, die dem Regime nahestanden. Da kein Kapital vorhanden war, das die Menschen investieren wollten, kam der versprochene Wiederaufbau nie zustande und die Ruinen wurden dem Spekulationshandel überlassen.

    Mein kurdischer Mitbewohner verließ Syrien unabhängig von den Ereignissen im Frühjahr 2011. Er fand eine Arbeit als Hotelrezeptionist in Mekka. Acht Jahre später gelang es ihm, legal nach Deutschland einzuwandern. Von meinen Freund:innen aus Yarmouk wurden einige im Anschluss an Folter ermordet, die meisten flohen aus dem Land, während Tadamon durch das Regime dem Erdboden gleichgemacht wurde.

    Einigen gelang es, sich ein neues Leben aufzubauen und ihre Arbeitskraft für Löhne zu verkaufen, die nah an das herankamen, was intellektuelle Mittelschichten in jenen Ländern verdienen, in die es sie verschlagen hatte. Und doch fanden sie sich oft in der proletarischen Erfahrung des Westens wieder, mit all den Härten, die damit verbunden sind. In Solidarität mit meinen Freund:innen, Genoss:innen und den Massen, die sich 2011 den Panzern und Schergen des Regimes entgegenstellten, habe ich aus der Ferne nie aufgehört, den Sturz des Assad-Regimes sehnlichst zu herbeizuwünschen.

    Vierzehn Jahre später, lange nachdem die anfängliche Aufstandsbegeisterung abgeklungen war und der drohende Bürgerkrieg die kleinen Kreise der radikalen Linken zerschlagen hatte, ist es an der Zeit, zurückzublicken und zu versuchen, diese Abfolge unter Klassenaspekten zu analysieren. Wenn man sich von politischen „Lagern“, demokratischen Projektionen und orientalistischen Interpretationen (den sogenannten „Gemeinschaften“) distanziert, aber auch von den revolutionären Hoffnungen, die während der Kämpfe entstanden sein mögen, was sagen dann die syrische Revolution, der Verlauf des Bürgerkriegs und das „neue Regime“ über soziale Klassen, Grundrente und den Staat aus?

    Der „Mittelschichtmoment“ im Angesicht des Massakers

    Im Frühjahr 2011 wurden weder die Lohnarbeit noch der Warenkreislauf zur Zielscheibe. Die Revolution, das war die Demonstration. In diesem Punkt stimmen die Rückblicke überein: Die Demonstration war eine Blase, die die Menschen jenseits ihrer sozialen Zugehörigkeit, ihrer Beziehung zum Geld und ihrer Position innerhalb der Ausbeutung vereinte. Sie war eine Utopie im Entstehen, die angesichts der Repression neue Formen der Solidarität hervorbrachte. Es handelte sich um eine vorübergehende Aussetzung der sozialen Welt und als solche wurde sie auch beansprucht: Die Demonstrierenden waren über das hinaus vereint, was sie sonst trennte. Die Subjektivität der Bewegung lehnte also nicht nur jede klassenbezogene Interpretation ab[1], sondern ihre soziale Zusammensetzung ließ sich auf den ersten Blick nicht auf endgültige Aussagen reduzieren, die auf bestimmte Interessen zurückgehen.

    Wir können jedoch feststellen, dass dieser Protest über eine Geografie verfügte. Die ersten Aufrufe, in Damaskus und Aleppo auf die Straße zu gehen, die von jungen Hochschulabsolvent:innen aus den Städten initiiert wurden, zogen zwar ein aktivistisches Milieu an, waren aber nicht dazu in der Lage, Massen zu mobilisieren. Der Funke kam aus Daraa, einem provinziellen Ort, der von der Intelligenzia verachtet wird, wo es zu einem spontanen Ausbruch von Protesten im Anschluss an eine weitere Demütigung durch die Sicherheitsdienste kam. Nach Daraa (März bis April) folgten die massiven Demonstrationen in Homs (April bis Mai) und Hama (Juli). Dies war die Bewegung der „Stadtzentren“, die Aktivist:innen und Proletarier:innen vereinten und die sich direkt mit der Praxis des Massakers konfrontiert sahen. Die Repression war brutal und wurde sowohl von den Sicherheitskräften als auch von ihren Schlägern durchgeführt – den Shabbiha, der Reservearmee des Regimes, den hässlichsten Geistern unter den Geistern –, begleitet von einer beispiellosen Welle von Inhaftierungen. Die klassenübergreifende Tendenz im Jahr 2011 war weniger das Zusammenlaufen zweier eigenständiger Bewegungen, sondern mehr eine geteilte Erfahrung im Angesicht der Repression.

    Diese Sequenz war jedoch ein „Mittelschichtmoment“ der Revolution, der sich weniger durch seine soziale Zusammensetzung als durch seine politische Perspektive auszeichnete: Eine Zivilgesellschaft, die sich gegenüber dem Staat behauptet, sich aber gleichzeitig in ihm widerspiegelt – die Idee eines Rechtsstaats, der die Erfüllung der einzelnen Individuen garantiert. In diesem Moment wurde die Einheit der sozialen, politischen und kommunalen Komponenten des Landes sowie ein neuer Pakt zwischen Gesellschaft und Staat angestrebt, der auf der Anerkennung der Staatsbürgerschaft und ihrer „Würde“ beruhte. Es war nicht die Domäne einer bestimmten sozialen Kategorie. Wie ein Theoretikergenosse schrieb: „Es ergibt keinen Sinn, zu versuchen die Mittelschicht als etwas anderes als ein Moment des Kampfes zu beschreiben.“[2] Wir könnten sogar sagen, dass es 2011 der proletarische Kampf war, der dem syrischen „Mittelschichtmoment“ seine aufständische Form gab. Das Proletariat ist ein Gespenst, das die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse heimsucht, der negative Moment des Kampfes, der dem politischen Pol gegenübersteht – was nicht bedeutet, dass das Proletariat darin keine Rolle gespielt hätte.

    Die Repression drängte die Bewegung schrittweise in die Vororte. Randbezirke, die nicht ausreichend vom Staat verwaltet wurden, wurden zum Zentrum der Revolution. Die vorurbanen Verhältnisse, die für eine erst vor kurzem proletarisierte Bäuer:innenschaft typisch sind, sorgten in diesen Gebieten für eine stärkere Fähigkeit zur Selbstverteidigung als in den Stadtzentren und die schwächere Präsenz des Staates machte sie zu sicheren Zufluchtsorten für die neuen Aktivist:innen, die in den ersten Wochen des Aufstandes auftauchten. Eine proletarische Wende (in Bezug auf die soziale Zusammensetzung) vollzog sich auch in räumlicher Hinsicht und veränderte den Charakter des Protests. Die Utopie einer einheitlichen Gesellschaft, die eine politische Revolution forderte, wurde nun mit der konkreten Frage der Selbstverwaltung in den vom Regime befreiten Gebieten konfrontiert.

    Dem „Mittelschicht“-Anstrich der Revolution wurde ein Stich versetzt, die klassenübergreifende Natur der Bewegung überdauerte jedoch. Dies war der Beginn eines zweiten klassenübergreifenden Moments, der sich um die Frage der Selbstverwaltung der Gesellschaft drehte, also vor allem um die Gestaltung der Klassenverhältnisse.

    Die Staatsbeute

    Wir schauen uns zuerst an wie das syrische Regime auf die sich ihm entgegenstellende Bewegung 2011 reagiert hat: Einerseits durch Massaker und die großangelegte Zerstörung des städtischen Gefüges, andererseits durch den Einsatz der ihm zur Verfügung stehenden politischen Renten, um seine Position innerhalb von Teilen des Proletariats zu stärken.

    In der marxistischen Literatur finden wir eine Definition des modernen Staates als „Bande bewaffneter Männer“, die mit den Überlegungen des jungen Marx zum Staat als einer sozialen Form „getrennt ist von der bürgerlichen Gesellschaft“ und „nur ein Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“, koexistiert. Die Herausforderungen der syrischen Revolution in ihrem „Mittelschicht“-Moment bestanden im Wesentlichen darin, einen Übergang vom Ersteren zum Letzteren zu vollziehen: von der Aneignung des Staates durch einen kapitalistischen Clan als Instrument der Ausbeutung hin zu seiner Loslösung von Einzelinteressen und seiner Umwandlung in ein Instrument der Regulierung. Dieser Versuch schlug fehl und so ist die Staatsform der „bewaffneten Bande“ in Syrien tief in den grundlegenden sozialen Beziehungen verankert. Daher ist es notwendig, einen erneuten Blick auf die Sozialgeschichte zu werfen.

    In den 1980er Jahren ordnete Michel Seurat die Klassenanalyse des syrischen Staates unter der Assad-Familie der Analyse der sozialen Formation und Macht unter, wobei er Konzepte aus der mittelalterlichen Soziologie von Ibn Chaldūn verwendete: Eine militärische Kraft außerhalb der dominierenden städtischen Gesellschaft, die aus soziodemografischen Randbereichen hervorgeht und durch „primäre Bindungen“ (ʿAsabīya) verbunden ist, übernimmt die Macht im Staat und macht ihn zu ihrer Beute. In Chaldūns Schema soll sich diese ʿAsabīya in der von ihr eroberten sozialen Formation (der städtischen Zivilisation mit ihrer Arbeitsteilung und der Übertragung öffentlicher Angelegenheiten an ein separates Gremium) auflösen. Wie Seurat jedoch beobachtete, blieb diese Beziehung zur Staatsbeute in Assads Syrien bestehen, was zu einer Situation führte, in der die Existenz des Staates in seiner „modernen“ Form (als von der Gesellschaft getrennte Instanz) infrage gestellt wurde.[3] Da Erklärungen, die auf der Barbarei oder mittelalterlichen Gesellschaftsformen basieren, ihre Grenzen haben, brachte Seurat dann die Geschichtlichkeit ins Spiel: Er wies darauf hin, dass die Funktionsweise des Staatsapparats in eine sozioökonomische Struktur eingebunden war, die weit von Chaldūns Schema entfernt war, nämlich die Zirkulation von Rentenkapital.

    Diese Rente entstand ursprünglich aus der Rückgabe von Öleinnahmen durch die Golfstaaten im Namen der Unterstützung der palästinensischen Sache, wurde jedoch im Anschluss an die Vereinnahmung durch den syrischen Staat autonom. Sie war stets instabil und manifestierte sich in einem Kontext geopolitischer Polarisierung, in dem Staaten keine sozialen Blöcke auf der Ebene von Dörfern, Stadtvierteln und Zirkulationskreisläufen bilden. Sie trug ständige politische Gewalt in sich: Um den Zugang zu den sicherheitspolitischen Renten zu gewährleisten, hatten diejenigen, die davon profitierten, ein großes Interesse daran, die verschiedenen geopolitischen Kanäle gegeneinander auszuspielen, indem sie die Mikrologik der regionalen Destabilisierung anheizten, um so unentbehrlich zu werden für… die Aufrechterhaltung einer Art von Ordnung. Auf diese Weise hat das syrische Regime nie aufgehört, seine Fähigkeit zur Störung zu demonstrieren, um sich eine kontinuierliche Finanzierung zu sichern, während die Sicherheitsrente durch eine Welt von Subunternehmer:innen sowohl der Unordnung als auch der Ordnung nach unten sickerte und gleichzeitig in den Drogen- und Waffenhandel investiert wurde, dessen Geschäft notwendigerweise mit dem Sicherheitsapparat und seinen Klientelen verbunden war.

    Diese Klientele, fragmentiert in Clans und religiöse Gruppen, ersetzten schrittweise die „Massen“ als soziale Basis des Parteienstaats. Über zwei Jahrzehnte (die 1960er und 1970er Jahre) bot die Rente eine vom Staat garantierte Form der proletarischen Reproduktion, eine Ära der öffentlichen Massenbeschäftigung in der Verwaltung und in der verstaatlichten Industrie sowie des syrischen „Nationalismus“. Ausgehend von den 1980er Jahren fiel die Reproduktion des Proletariats als entlohnte Klasse jedoch in eine Krise und das Regime hielt seine Macht durch Massaker aufrecht. In ihrer Folge übernahmen bewaffnete Banden alawitischer Herkunft, die sich zu konkurrierenden Sicherheitsdiensten zusammengeschlossen hatten, ganze Wirtschaftszweige, die vom Staat aufgegeben worden waren. Privatisierungen und der Zusammenbruch des Parteistaats in mafiös geführte Unternehmen führten zur Vertreibung von Hunderttausenden von Proletarier:innen in den informellen Sektor. Das Ende der staatlichen Unterstützung für die Landwirtschaft löste die Proletarisierung der Bäuer:innenschaft aus. Die wiederkehrenden Dürren in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre verschärften dieses Phänomen und selbsterrichtete Vororte breiteten sich um die städtischen Zentren herum aus.

    Die Bärte der klassenübergreifenden Allianz

    Die Rente und ihre Realisierung als Staatsbeute würden zum roten Faden der Sozialdynamiken von Revolution und Bürgerkrieg werden und zum Aufstieg der unterschiedlichen Formen klassenübergreifender Politik nach 2011 führen.

    Zunächst einmal war es weniger die Revolution als das Regime selbst, das dafür sorgte, dass jeder Versuch der Bourgeoisie, sich als vereinigender Pol zu konstituieren, im Keim erstickt wurde. Diese Versuche waren so schwach wie die Klasse selbst: Die Handelsbourgeoisie, größtenteils sunnitisch und damit für die Kreise der aus dem alawitischen Pool rekrutierten Sicherheitskräfte unbedeutend, blieb dem Regime lange Zeit loyal, da ihr die Stärke fehlte, sich zu widersetzen. Laut mehrerer Quellen versuchte die Bourgeoisie im Sommer 2012, als Rebell:innengruppen kurz davor zu sein schienen, Damaskus und Aleppo einzunehmen, eine Kehrtwende, da es jedoch nicht zum Zusammenbruch des Regimes kam und in Anbetracht von Drohungen „den Suq al-Hamidiya[4] zu zerstören“, fügte sich diese Bourgeoisie schnell wieder.

    Vor allem war es die Logik des Strebens nach zusätzlichen Renten, die die räumliche Aufteilung prägte und die Revolution in die Vororte trieb. Die Unterteilung in eine „nützliche“ Zone und einer sekundäre Zone, die dem Massaker und der Zerstörung überlassen wird, spiegelte die Struktur kapitalistischer Profite wider: Produktionsstätten (Fabriken, konzentriert in der Peripherie) wurden zugunsten von Zirkulationskreisläufen geopfert, durch welche syrische und regionale Kapitalist:innen ihr Einkommen realisieren können. Gleichzeitig trieb diese räumliche Aufteilung die Transformation des syrischen Proletariats hin zu einer Surplusbevölkerung voran, die aus der Lohnarbeit und der Wirtschaft selbst ausgeschlossen ist.

    In den Gebieten, die vom Regime „aufgegeben“ wurden, existierte der Staat nicht mehr, lediglich mit Macheten bewaffnete Bandit:innen, die Raubzüge durchführen, aufschlitzen und schreien, das Bashar ihr Gott ist – hinter dieser Barbarei standen die Institutionen, die ihr folgten. Der Staat musste an diesen Orten aus der Gesellschaft heraus entstehen, aus der Verengung alltäglicher sozialer Beziehungen in Vierteln, die stetig der Gefahr der Repression ausgesetzt waren.

    In den „befreiten“ Gebieten bildeten sich Behörden, die versuchten, eine Form der Regulierung zu verkörpern, die in der „Gesellschaft“ verwurzelt war. Diese zivilen Behörden, die von den Neoaktivist:innen der ersten Mobilisierungswelle gefördert wurden, versammelten tatsächlich einen ganzen sozialen Sektor um sich, der sich aufgrund dieser räumlichen Segmentierung der Revolution „anschloss“ und bald ihre faktische Führung bildete: Beamt:innen der mittleren Ebene, Anwält:innen, Unternehmer:innen und eine Armada von „Scheichs“, die aufgrund ihres „islamischen“ Charakters eine aus der Gesellschaft heraus entstandene Beziehung zur Justiz verkörperten.

    Der Islam wurde zu dem Raum, den die Staatsmafia der Gesellschaft offenließ, ein Raum, in dem sie sich als Garant für Gerechtigkeit inszenieren konnte, um die Beziehungen zwischen den sozialen Klassen zu organisieren. Er wurde auf unterschiedliche Arten von sozialen Gruppen instrumentalisiert, die im Namen der „Gesellschaft“ an die Stelle des Staates treten wollten. Die zivilen Behörden verkörperten in ihrem Streben nach „gerechter“ Regulierung unter Berücksichtigung der bestehenden sozialen Segmentierungen die ersten dieser „Strohmannorganisationen“. Doch schon bald sollten sie mit einer anderen Art von Strohmannorganisationen koexistieren, die sich in einem Kampf auf Leben und Tod mit der Staatsbande befanden: den bewaffneten Gruppen.

    Die Militarisierung des Aufstands begann mit der massiven Desertationswelle im Sommer 2011 und brachte nicht nur Waffen, sondern auch eine große Zahl von mittelloser Proletarier:innen (Deserteur:innen konnten nicht nach Hause zurückkehren) in die aufständischen Gebiete. Anfangs waren diese Milizionär:innen Proletarier:innen ohne feste Strukturen: Sie wurden nicht bezahlt, wechselten von Gruppe zu Gruppe und schufen ihre eigene militärische Führung, um sich den Versuchen zu widersetzen, sie dem Pseudokommando der Freien Syrischen Armee (FSA) unterzuordnen, die in der Türkei als Vermittlerin ausländischer Mächte und finanzieller Sponsoren gegründet worden war. Diese bewaffneten Proletarier:innen blieben ihren lokalen Gemeinschaften (Stadtvierteln und Städten) verbunden und ließen sich weiterhin von der Vorstellung eines „gerechten Staates“ inspirieren. Für zwei Jahre koexistierten auf diese Weise die zivile Dynamik (urban und kleinbürgerlich) und die Milizdynamik (bäuerlich und proletarisch) über die aufständischen Bereiche und unter der Belagerung und dem Bombenhagel des Regimes hinweg so gut sie nur konnten.

    Jedoch brachte das Aufkommen der Form der „bewaffneten Gruppe“ in den Klassendynamiken der syrischen Revolution eine doppelte Bewegung hervor. Einerseits stellte sie eine Verselbstständigung des Surplusproletariats und seiner Handlungslogik dar, andererseits führte sie zurück zu den sozialen Beziehungen der Rente und widersprach damit der klassenübergreifenden Vorstellung vom „gerechten Staat“.

    Proletarische Massaker gegen progressive Führung:
    Der soziale Widerspruch und seine Warteschleife

    Da ein entscheidender Sieg gegen das Regime ausblieb, nahm der proletarische Befreiungskrieg zunehmend einen eschatologischen und rachsüchtigen Charakter an. So entstand der Islamische Staat (IS) als anfallsartiger Ausdruck des proletarischen Exodus aus der revolutionären klassenübergreifenden Politik (2011 bürgerlich, 2012 bis 2013 islamisch):

    „Die Idee vom IS war, … arme Viertel zu infiltrieren und Gruppen oder Einzelpersonen zu identifizieren, die sich gedemütigt oder frustriert fühlen könnten. … Es gab eindeutig ein Element der Klassenrache, das der IS sehr effektiv ausnutzte, und das der Rest der Opposition völlig ignorierte. Der IS ernährte sich von denjenigen, die von der Revolution zurückgelassen wurden. Die FSA wurde überrumpelt.“[5]

    Die „Barbarei“ des IS und seine Fähigkeit, sich mit Waffengewalt gegen etablierte soziale Hierarchien durchzusetzen, steht in krassem Gegensatz zu den Versuchen von Führungskräften, die behaupten, die „bürgerliche Gesellschaft“ zu vertreten, um das Proletariat für sich zu gewinnen.

    Der islamische Bart ist seit langem ein symbolisches Mittel für aufstrebende Staatsgründer, um sich die Aktivität des männlichen Proletariats zu geringen Kosten anzueignen. Dieses Vorgehen erreicht jedoch einen Bruchpunkt, wenn sich Letzteres nicht gegen seine eigene Reproduktion als Klasse innerhalb dieser Gesellschaft wendet, sondern gegen die „Gesellschaft“ selbst – verstanden als die befriedete Formalisierung sozialer Beziehungen. Der IS bietet einem Teil des männlichen Proletariats, das zu einer Klientel von Handlangern geworden ist, eine soziale Zwangsmacht, die die auf dem Zugang zu Renten beruhende Herrschaft kompensiert: die Macht des Phallus, die Freiheit der Waffe und die Plünderung, alles eingebettet in eine grandiose eschatologische Erzählung, die die Ideale der sozialen Reproduktion ersetzt, die von „repräsentativen“ Institutionen reguliert werden.

    Nichtsdestotrotz bleibt der IS eine Neuzusammensetzung der klassenübergreifenden Allianz. Die Bewegung entkommt weder der Ökonomie der Rente noch der Anziehungskraft des Staates. Die proletarische „Barbarei“, auf der der IS basiert, wird nicht dem „revolutionären“ Mittelstand, sondern dem Geist des Mittelstands der Vergangenheit untergeordnet, denjenigen, die in den 1970er Jahren die Kontrolle über den Rentenstaat erlangt haben. Dieser neue Staat der Barbarei verkörpert perfekt die Chaldūnische ewige Wiederkehr im Stil der Baath-Partei: eine Rentier-Bande, die sich als Staat neu gegründet hat. Der IS steht für eine soziale Formation, in der die irakischen Muchabarat[6] „aus der Wüste“ ihre Raub- und Massakerpraktiken unter dem schwarzen Banner des Dschihadismus verbreiten und sich einer neuen proletarischen Klientel anschließen – nur um gemeinsam mit ihr unterzugehen.

    Angesichts des Monsters, das durch die Niederlage des klassenübergreifenden revolutionären Prozesses entstanden war, wurde die Idee einer bewaffneten Demokratie wieder aufgegriffen – allerdings für den Export – von einer politischen Kraft, die außerhalb der revolutionären Bewegung entstanden war, aber über echte Fähigkeiten zur Führung des Proletariats verfügte: die PKK. Seit 2012 hat sie mit dem Segen des Regimes die Kontrolle über kurdische Enklaven in Nordsyrien übernommen und im Rahmen des Kampfes gegen den IS unter dem Schutz der USA ihre territorialen Besitztümer erweitert. Die in diesen Gebieten errichteten „demokratischen“ Strukturen sind in keiner Weise das Produkt proletarischer Dynamiken. Sie fungieren als Vermittler zwischen „Gemeinschaften“, die die PKK selbst weitgehend neu konfiguriert hat, um proletarische Widersprüche zu neutralisieren, indem sie diese durch ein Regierungssystem verwaltet, das direkt aus einer kolonialen Logik hervorgegangen ist und sich auf ethnische und stammesbezogene Strukturen und Loyalitätsketten stützt.

    Nordsyrien, das einst von den „barbarischen“ Formen der Rente befreit war, erscheint so als übergangsweise Sozialformation in den Händen der politisch-militärischen Kader der PKK. Sein Überleben hängt von endlosen Verhandlungen innerhalb der „Gemeinschaften“ unter ihrer Kontrolle und vor allem mit externen politischen Akteuren ab, die seinen Schutz im Tausch für territoriale Präsenz garantieren. Letztlich bleibt es eine andere Form der Rente, die nur der Führungsriege dient. Das Proletariat im „kommunalistischen“ Nordosten wird durch den Schutz eines Staatsapparats entschädigt, der nicht massakriert, kaum enteignet und selbst von anderen Kadern fremdgesteuert wird.

    Hierbei handelt es sich um die Umkehrung der proletarischen Utopie der Rache: eine „Revolution“, die außerhalb der sozialen Beziehungen der Klasse produziert wurde.

    HTS: Die Suche nach einem „separaten Staat“

    Von 2016 an verschob sich die militärische Dynamik zugunsten des von Russland und dem Iran unterstützten Regimes. Doch das Regime war weniger denn je in der Lage, das Proletariat auf andere Weise zu reproduzieren, als es in seine eigenen Milizen zu integrieren. Die Proletarier:innen in den zurückeroberten Gebieten waren von der Wirtschaft ausgeschlossen und verarmten mehr denn je: Sie hatten keinen Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge und waren nicht einmal in der Lage, die Landeswährung für den Kauf von Lebensmitteln zu verwenden. Die Repression selbst wurde zu einem Racket, da die konkurrierenden Sicherheitsapparate sich durch Erpressung finanzierten.

    Die „Idlib-Tasche“ wurde somit zum letzten Zufluchtsort der „Rebellen“. Immer wenn das Regime Gebiete zurückeroberte, organisierte es die Massenvertreibung der Bevölkerung nach Idlib – und verwirklichte damit sein Vorhaben, ein überschüssiges Proletariat zu vertreiben, das sowohl eine Belastung als auch eine Bedrohung darstellte. Doch diese Enklave, in der drei Millionen Geflüchtete Zuflucht fanden, begann sich auch als erster Entwurf eines aus der Revolution hervorgehenden Staates zu formieren. Paradoxerweise ging die hegemoniale Militärmacht in Idlib – Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS), die zwischen 2017 und 2019 ihre Rivalen eliminierte – aus der Al-Nusra-Front hervor, einer Gruppe, die ihre soziale Macht ursprünglich aus der Ablehnung jeglicher Kompromisse mit den zivilen Institutionen der „revolutionären Gesellschaft“ bezog. Während Al-Nusra als bewaffnete Gruppe außerhalb des revolutionären Projekts und seiner Widersprüche stand, setzte sich HTS nach und nach, wenn auch nicht ohne Reibungen, als „von der Zivilgesellschaft getrennte“ soziale Formation in Idlib durch.

    Die Institutionen in Idlib integrierten die herrschenden Klassen, ohne jedoch einer ihrer spezifischen Fraktionen anzugehören. Sie setzten die territorialen Ambitionen der Kriegsherren außer Kraft und schränkten gleichzeitig die räuberischen Aktivitäten der in bewaffneten Gruppen aufgenommenen Proletarier:innen ein. Diese Formation war weder ein bloßes Instrument der Plünderung noch ein utopischer Versuch, die Gesellschaft demokratisch zu vertreten. Selbst als die Demonstrationen – sowohl gegen das Regime als auch gegen HTS[7] – anhielten, ging der embryonale Staat in Idlib gleichzeitig repressiv und kooptierend dagegen vor. Er sperrte diejenigen ein, die ihn Bedrohten, und verhandelte mit Demonstrierenden, verteilte Posten unter den Elitefraktionen, verwaltete Kapitalflüsse und baute Allianzen auf, ohne sich einer ausländischen Macht unterzuordnen.

    Diese soziale Formation in Idlib war mehr als nur eine bewaffnete Gruppe. Im November und Dezember 2024 stellte sie ihren inneren Zusammenhalt unter Beweis, indem sie innerhalb weniger Tage die Kontrolle über das Land übernahm – und damit das Regime selbst in puncto innerer Geschlossenheit übertraf. Um die Cliquen zu besiegen, die die Märkte unter sich aufteilten und die Last der Reproduktion der verschiedenen Fraktionen des Proletariats teilten, war es unerlässlich, über einen fertigen Staatsapparat zu verfügen: selbst konstituiert, distanziert vom revolutionären Umbruch und seinen Widersprüchen. Gerade als es so aussah, als sei die Idee eines syrischen Staates – als nationaler Rahmen für die Reproduktion sozialer Beziehungen – ein für alle Mal zusammengebrochen, tauchte sie nach dem Sturz des Regimes plötzlich wieder als möglicher Horizont auf.

    Capital Fix & Capital Shoot

    Im Dezember 2024 kehrte das revolutionäre Moment auf seltsame Weise zurück. Der Zusammenbruch des Regimes schien das Ende der Revolution zu bedeuten, nämlich die Befriedung der Zivilgesellschaft. Sobald keine Verfolgung mehr stattfand, konnte die Gesellschaft davon absehen, sich in die Angelegenheiten des Staates einzumischen. Als selbstregulierte Aktivität „des Volkes“ erlebte die Revolution ihre letzten Zuckungen in den Stunden unmittelbar nach dem Sturz des Regimes: eine eigentümliche Mischung aus Plünderungen und dem friedlichen „Einbruch“ des Proletariats in die Machtzentren, während die (Klassen-)„Gesellschaft“ unberührt blieb. Sehr schnell integrierte die HTS das „Versprechen der Staatlichkeit“ in ihren politisch-militärischen Apparat.

    Dieses Versprechen der Staatlichkeit – dessen „demokratischer“ Charakter kaum eine Rolle spielte – hatte nichts mit proletarischer Rache oder einer zivilgesellschaftlichen Utopie zu tun. Vielmehr ging es um die Loslösung von den Partikularinteressen mafiöser Cliquen. Für die Bourgeoisie lag das Versprechen in einer Form erneuerter und „garantierter“ Autonomie, für das Proletariat in einer Rückkehr zur normalen Ausbeutung, ohne die Gefahr der Entführung durch einen Mafia-Staat oder der vollständigen Ausgrenzung aus der Wirtschaft.

    Aber dieses Versprechen stellte sich als illusorisch heraus, wie aktuelle Ereignisse bestätigt haben. Wenn die Verwaltung der Rente durch das Assad-Regime durch den lokalen Kontext geformt war, dann ist die Aneignung des Staates durch bewaffnete Banden keine kulturelle Anomalie. Sie entstand sowohl als Bedingung und Beschränkung bürgerlicher Revolution in der Region. Heute ist sie in die Umstrukturierung der kapitalistischen Verhältnisse unter dem Druck der globalen Krise der Verwertung und der Verknappung des Mehrwerts eingeschrieben.

    In Syrien können die profitablen Bereiche aus Sicht kapitalistischer Investitionen an einer Hand abgezählt werden: Bauwesen, Rohstoffgewinnung, Transport von Rohstoffen (und deren Schutz), Drogenhandel und der Handel mit der Loyalität von Milizen gegenüber ausländischen Mächten.[8] Keiner dieser Bereiche gehört zur „produktiven“ Sphäre, allesamt haben sie eine rentenwirtschaftliche Dimension. Diese Märkte sind abhängig von mit dem Staat verbundenen Positionen – nicht als Regulierungsinstanz, sondern als Monopolvertrieb. Der Wettbewerb zwischen Kapitalist:innen in einer solchen Konstellation wird durch rohe Gewalt und Allianzen mit anderen brutalen Kräften entschieden. Innerhalb dieser Struktur verschwimmt die Grenze zwischen Prolterarier:in und Handlanger:in zusehends.

    Der Sturz des syrischen Regimes fiel mit einer globalen Krise zusammen, in der der Kampf um die Rentenmärkte mit einer spektakulären Aushöhlung der auf die Regulierung des interkapitalistischen Wettbewerbs ausgerichteten Staatsform einherging. Der Staat „im Unterschied zu bestimmten Kapitalist:innen“ (ein unerreichtes Ideal) hat den Weg für einen Staat geebnet, der zunehmend im Griff bestimmter Gruppen von Kapitalist:innen ist, die vor dem Hintergrund einer konstanten Bedrohung durch Waffengewalt um extraktivistische, landgebundene und spekulative Märkte konkurrieren. Dieser „Staat der Barbarei“ scheint sich auf globaler Ebene durchzusetzen – nicht als archaische Form, sondern als Paradigma einer Krise des Mehrwerts, der sein Heil in Gewinnen sucht, die sich um Rentenpositionen herum strukturieren.

    Während die Reproduktion des Proletariats weiterhin ein wichtiges Anliegen des Staates in den Zentren der Akkumulation darstellt, zeichnet sich ein radikal anderes Bild in den Peripherien ab, in denen die Frage von Surplusproletarier:innen und ihrer Reproduktion immer offener durch Massaker gelöst wird, die selbst zu einem Moment des Profits werden. Die Zerstörung Gazas kann so als globalisiertes Gegenstück der Zerstörung syrischer Vororte betrachtet werden.

    Im Nahen Osten scheint sich der proletarische Aufstand von 2010 – schwach in seiner Offensivkraft, aber hartnäckig in seinen Erscheinungsformen – zu einer endlosen militärischen Umstrukturierung zu entwickeln, bei der Israel erneut an der vordersten Front steht. Die notwendige Unterordnung der Nationalstaaten unter diese Umstrukturierung macht das „Versprechen der Staatlichkeit“ hinfällig. Diese Unterordnung bedeutet in Kombination mit der militärischen Kontrolle von peripheren Bevölkerungen eine „gemeinschaftliche Verwaltung“ des Proletariats anhand klassischer kolonialer Linien (Israel als „Beschützer der Drus:innen“ und vielleicht bald auch der Kurd:innen). Gleichzeitig eröffnen sich hierdurch neue Märkte für Investitionen auf dem Rücken des „formell“ lohnabhängigen Proletariats, indem eine „wettbewerbsfähige Marktwirtschaft“ versprochen wird, die durch Privatisierung der noch unter staatlicher Kontrolle stehenden Industrieunternehmen gesichert werden soll.[9]

    Auf der anderen Seite der Ringstraße

    „Es ist seltsam, das zu sagen, aber alles war einfacher während des Krieges. Wir haben uns mehr um einander gekümmert. Nun ist es jeder für sich.“[10]

    Auch wenn der Fall des Regimes kurzzeitig den „Mittelschicht“-Kampf von 2011 wiederbelebt hat, haben die Mittelschichten wenig von der neuen Ordnung zu erwarten. Sie können sich endlich in die öffentliche Sphäre einmischen, ohne ihr Leben zu riskieren, und tragen erneut das Banner der Demokratie und Zivilgesellschaft vor dem Gesicht bärtiger Milizionäre, die den Präsidentenpalast bewohnen. Dennoch, wenn sie schrittweise feststellen, dass ihre Intervention keinerlei Auswirkung auf die Form des Staates hat, ist ihre Niederlage stumpf und glanzlos – wie eine verlorene Schlacht, geschmückt mit den Insignien des Sieges, beraubt selbst des bittersüßen Trostes kollektiver Nostalgie.

    Das Surplusproletariat aus den Randbezirken und mittelgroßen Städten am Rande des „nützlichen Syriens“ hat nichts mehr in Form eines „gerechten Staates“ zu erwarten. Jetzt, wo Assad weg ist, verbleibt es aus der Ökonomie verdrängt, lebt im Exil oder Geflüchtetenlagern und ist auf humanitäre Hilfe und familiäre Unterstützung angewiesen. Es ist zunehmend abhängig von neuen Kreisläufen der Gewalt und davon, Arbeit als Handlanger:in für bewaffnete Kapitalist:innen zu finden, die um den Zugang zu Rentenmärkten konkurrieren.


    [1] Auf eine Ankündigung der Regierung, die Löhne zu erhöhen antworteten die Protestierenden mit der Parole „Das syrische Volk ist nicht hungrig“.

    [2] Carbure, „Notes sur les classes moyennes et l’interclassisme“, 21. November 2016, online abrufbar unter: https://web.archive.org/web/20211026174508/https:/carbureblog.com/2016/11/21/notes-sur-les-classes-moyennes-et-linterclassisme/

    [3] „Die Originalität der syrischen Politik im Vergleich zu anderen Ländern der Dritten Welt … liegt darin, dass sie nicht das Merkmal eines Staates ist, sondern in den meisten Fällen dessen Negation.“ (1984)

    [4] Der Suq al-Hamidiya ist ein Basar in Damaskus (Anm. d. Übers.).

    [5] Ein Bewohner Rakkas, zitiert in Syrie. Anatomie d’une guerre civile.

    [6] Arabische Bezeichnung für Nachrichtendienst (Anm. d. Übers.).

    [7] „Am 15. März versammelten sich Tausende Demonstrierende auf dem zentralen Platz der Stadt Idlib, um den dreizehnten Jahrestag des syrischen Aufstands zu begehen. Sie skandierten „Das Volk will den Sturz von Al-Joulani“ und ließen damit den ikonischen Slogan des „Arabischen Frühlings“ wieder aufleben (Orient XXI, 25. April 2024).

    [8] Amer Taysir Khiti ist ein gutes Beispiel für einen syrischen Kapitalisten, der aus dem Bürgerkrieg hervorgegangen ist. Er begann im Import-Export-Geschäft mit Gemüse. Im Jahr 2011 stieg er in Verbindung mit der Hisbollah in das Captagon-Geschäft ein. Gleichzeitig betrieb er Schmuggel mit der syrischen Armee in Rebellengebieten, was zu einem Konflikt mit dem Assad-Clan führte. Im Exil investierte er erneut in Immobilien in der Türkei, während seine Brüder Führungspositionen in islamistischen Rebellengruppen in Ghouta und bis nach Idlib innehatten. 2018 versöhnte er sich mit dem Regime und kehrte nach Syrien zurück. Er gründete Import-Export- und Autovermietungsunternehmen und stieg in den Handel mit Kryptowährungen ein. Als gewählter Abgeordneter erwarb er durch Auktionen, die mit Beschlagnahmungen durch das Regime einhergingen, kostengünstig Grundstücke, die er als Stützpunkte für den Handel mit Captagon nutzte. Der Sturz des Regimes brachte ihn in eine schwierige Lage, aber er war nicht aus dem Spiel: Er blieb irgendwo in Syrien versteckt und „wartete auf eine Vereinbarung mit den neuen Behörden, um [seine] Aktivitäten wieder aufzunehmen“. Amer Taysir Khiti ist keine obskure „mafiaähnliche“ Figur, die in einer „parallelen“ Wirtschaft verwurzelt ist und im Gegensatz zu einem „guten Kapitalisten“ steht, der sich an die Regeln des Marktes und des Wettbewerbs hält: Er steht im Zentrum der Wertschöpfungsketten, die seit fünfzehn Jahren in Syrien bestehen.

    [9] Nach dem demokratischen Bart des „Rechtsstaates“ sowie dem proletarischen und rachsüchtigen Bart des „Plünderungsstaates“ ist die Zeit für den realistischen Bart gekommen: Er stammt von Al-Qaida und ist bereit, sich internationalen kapitalistischen Institutionen zu unterwerfen. Ein Beweis, falls es jemals eines solchen bedurfte, dass „Islamismus“ als Ideologie oder politisches Lager nicht existiert: Hinter den Manifestationen dieser „Sprache“ muss man immer nach dem sozialen Inhalt und den Klassenwidersprüchen suchen.

    [10] Auszug aus dem Film Phantom Beirut, Ghassan Salhab, 1998.

  • Tragische Thesen

    Tragische Thesen

    Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit, im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichsten Spitze zusammengefaßt sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Bewußtsein dieses Verlustes gewonnen hat, sondern auch unmittelbar durch die nicht mehr abzuweisende, nicht mehr zu beschönigende, absolut gebieterische Not – den praktischen Ausdruck der Notwendigkeit – zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen […]. Es kann sich aber nicht selbst befreien, ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben. Es kann seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, die sich in seiner Situation zusammenfassen, aufzuheben. […] Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.1

    [D]iese Seite des Verhältnisses von Kapital und Arbeit [ist] ein wesentliches Zivilisationsmoment.2

    Für eine Gesellschaft von Warenproduzenten, deren allgemein gesellschaftliches Produktionsverhältnis darin besteht, sich zu ihren Produkten als Waren, also als Werten, zu verhalten und in dieser sachlichen Form ihre Privatarbeiten aufeinander zu beziehn als gleiche menschliche Arbeit, ist das Christentum mit seinem Kultus des abstrakten Menschen […] die entsprechendste Religionsform.3

    1.

    Wir leben in einer Zeit langanhaltender ökologischer Krisen, die paradoxerweise schwerfällig und geschmeidig, zielgerichtet und sprunghaft sind. Diese Krisen erscheinen als die Krise des Weiterbestands menschlichen Lebens auf einem gekränkten, niedergeschlagenen Planeten, sind aber letztlich die Krise der kapitalistischen Produktionsweise. Das Kapital hat eine Welt nach seinem Ebenbild erschaffen.

    2.

    Die Verhältnisse, die den Stoffwechsel zwischen diesen beiden großen Quellen des Reichtums – menschliche Arbeit und materielle Natur – vermitteln, brechen zusammen. Tatsächlich formen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse den Kern dieser Unterteilung durch die sowohl »menschliche Arbeit« als auch »materielle Natur« als natürliche Existenzbedingungen erscheinen, sowohl die Voraussetzungen als auch die Ergebnisse der Produktion.

    3.

    Es ist der Zusammenbruch dieses Verhältnisses, der das Kapital selbst als sich bewegenden Widerspruch zwischen Humanisierung und Dehumanisierung offenbart, einen Widerspruch zwischen Verwertung und Entwertung.

    4.

    Unsere heutige Zeit, geprägt von lang anhaltender wirtschaftlicher Stagnation und zeitweiliger Volatilität, ist eine Ära der Entmenschlichung, begleitet von einer Flut »natürlicher« Kompensationsmechanismen, die jede klare Trennung zwischen Mensch und Nichtmensch, Produktion und Konsum sowie der Industrie und ihren ressourcenausbeutenden Hinterländern auflöst.4 Dieser sonderbare »Holismus« scheint nur die Form der Katastrophe anzunehmen, als gesammelter Effekt von Klimachaos, Massenaussterben, sozialer Unruhe und ökonomischer Instabilität. Wenn die Natur sich tatsächlich die Herrschaft über die Geschichte zurückgeholt hat, scheint sie dies nur getan zu haben, um diese zu beenden. Es ist kein triumphierender Humanismus, der diese Krise auflöst, sondern die Abschaffung der rassifizierten Ordnung durch das Schaffen des Kommunismus.

    5.

    Trotz der lautstarken Forderungen, die im Namen einer programmatischen politischen Ökologie erhoben werden – sei es Frieden oder Ordnung, Wirtschaftswachstum oder Degrowth, Nachhaltigkeit oder Ökosozialismus, Sozialökologie oder Tiefenökologie –, wurde zu den vorliegenden Themen kaum Klarheit geschaffen.5 Die unterschiedlichen Wertigkeiten der Krise – ökologisch, sozial, politisch, ökonomisch, klimatisch – erscheinen auf der Weltbühne als unabhängige Phänomene, die durch Pech, Gier oder politische Fehlkalkulationen zusammenkommen. Die behaupteten Lösungen sind so unterschiedlich wie die angenommenen Ursachen. Aber die zugrundeliegende humanistische Annahme, dass die »Menschheit« selbst das Subjekt-Objekt der Geschichte und unserer politischen wie moralischen Sorgen ist, wird nicht einmal von den radikalsten linken Analysen unserer Zeit herausgefordert.

    6.

    In der wirklichen Praxis ist diese Abstraktion, die wir »der Mensch« nennen, tatsächlich durch die Widersprüche vollbracht, die uns nun als polyvalente Krisen in unserer Zeit der Monster erscheinen. »Der Mensch« ist eine pervertierte Form der sozialen und ökologischen Beziehungen die die kapitalistische Produktionsweise ausmachen, eine Form die sich durch ihren externen Antagonismus mit der nichtmenschlichen Welt sowie ihrer internen rassifizierten und vergeschlechtlichten Verwaltung ihrer Daseinsformen konstituiert. Er betritt die geschichtliche Bühne als bestimmte Negation der ökologischen Dynamik und der Fortsetzung des Lebens auf dem Planeten.

    7.

    Die kapitalistische Zivilisation ist eine wiederkehrende Anthropogenese und zugleich Verfall des Menschen. Das Kapital setzt die Menschheit bloß voraus, um sie zu erniedrigen. Das Projekt ist nun, eine Theorie des Kommunismus als das Ende der kapitalistischen Welt zu artikulieren, das Ende des Menschenkults und das der Spezies.

    8.

    Die vorherrschenden »ökomarxistischen« Traditionen betrachten den Kapitalismus als eine gesellschaftliche Totalität, die sich nicht auf den unmittelbaren Produktionsprozess beschränkt; doch gerade diese Abkehr von der Produktion schränkt ihre Fähigkeit ein, die besondere Beziehung zwischen dem Nichtmenschlichen und dem Menschlichen zu erklären. Beide Begriffe gelten als ontologische Gegebenheiten und werden durch die kapitalistische Produktion auf destruktive Weise miteinander verknüpft. Für Menschen beinhaltet dies sowohl die Ausbeutung in der Produktion als auch die Verelendung in der Sphäre der Zirkulation. Für die nichtmenschliche »Natur« ist die Degradation – der metabolische Bruch – in erster Linie ein äußerer Effekt im Bereich des Kreislaufs. Die Produktion selbst wird weiterhin als Fortsetzung des transhistorischen menschlichen Arbeitsprozesses verstanden. Diese Darstellungen des ökologischen Marxismus betrachten die menschliche Arbeit als gegeben.6 Für uns liegt hier eine Abzweigung. Nur indem wir in die verborgenen Abgründe der Produktion vordringen, können wir erklären, wie das Auftreten eines Konflikts zwischen Mensch und Natur einen Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse der kapitalistischen Produktionsweise gewährt.

    9.

    Auf einer allgemeinen Ebene sind die metabolischen Aktivitäten in denen Menschen und andere Spezies mit ihrer Umwelt interagieren transhistorisch und ungewiss. Der Arbeitsprozess ist, wenn man in als eine Form metabolischen Austausches begreift, zugleich privat und sozial, konkret und abstrakt. Innerhalb einer kapitalistische Warenwirtschaft brechen diese Eigenschaften ein und die menschliche Arbeit ist nur innerhalb ihres abstrakten Charakters sozial. Konkrete Arbeit wird privatisiert und soziale Arbeit als menschliche Arbeit im Allgemeinen abstrahiert. Aufgrund dieser Verallgemeinerung wird die menschliche Arbeit in Form des Werts verdinglicht.

    10.

    Dieser allgemeine Einsatz menschlicher »Lebenskraft«7 existiert nicht wirklich in einem einheitlichen, praktischen und materiellen Sinne in allen Epochen. Es handelt sich um eine latente Potenz [potentia]. Hierbei handelt es sich letztlich um die Bedeutung der Arbeitskraft für Marx. Wenn die Abstraktion konkreter Eigenschaften der Arbeit uns letztlich nur ihren allgemeinen Aufwand vor Augen führen soll, ist unklar, was menschliche Arbeit von anderen, nichtmenschlichen Stoffwechselaktivitäten unterscheidet, seien es »Ökosystemleistungen«, thermodynamische Prozesse oder tierische »Arbeit«. Die Reduktion der »abstrakten Arbeit« auf eine abstrakte Allgemeinheit – sei sie nun »vitalisch«, »physiologisch« oder »thermodynamisch« – wirft dieses Problem auf, da nicht nachgewiesen werden kann, dass die »menschliche Arbeit im Allgemeinen« – die Stoffwechselaktivität der Spezies Homo sapiens – über irgendwelche a priori-Eigenschaften verfügt, die nicht auch jenseits der Artengrenze oder sogar in komplexeren ökosystemischen Prozessen anzutreffen sind. Man erinnere sich daran, dass es Marx bei seiner Untersuchung der »menschlichen Arbeit im Allgemeinen« darum ging, aufzuzeigen, dass sich jede menschliche Arbeit auf einfache Arbeit oder »reine« menschliche Arbeit zurückführen lässt. Kognition, psychosoziale Komplexität und symbolische Repräsentation spielen dabei keine Rolle.


    1. Karl Marx und Friedrich Engels, Die heilige Familie, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Marx-Engels-Werke, Bd. 2, Dietz Berlin, 1962, S. 38. ↩︎
    2. Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politische Ökonomie, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Marx-Engels-Werke, Bd. 42, Dietz Berlin, 1983, S. 213. ↩︎
    3. Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Marx-Engels-Werke, Bd. 23, Dietz Berlin, 1962, S. 93. ↩︎
    4. Unter diesen natürlichen Kompensationsmechanismen fassen wir »Extremwetterereignisse«, die das Ergebnis von Zusammenbrüchen in Klimazyklen sind, die Vermehrung zoonitischer und anthroponotischer Krankheitsausbrüche, die Neuorganisation von Lebensmittelnetzen und ökologischen Strukturen sowie das Auslösen weitreichender trophischer Kaskaden. ↩︎
    5. Als nicht erschöpfende Aufzählung seien hier beispielsweise die Befürworter*innen des »Green New Deal« genannt; der Kommunitarismus, Kollektivismus und Kommunalismus der Sozialökolog*innen; Tiefenökolog*innen, die sich für »Wildnis«-Reservate einsetzen, (kommunistische) Befürworter*innen des »Degrowth« (z. B. Jason Hickel, Kohei Saito); Klima-Leninist*innen wie Andreas Malm, Jacobin-Verfechter*innen der »ökologischen« Entwicklung der Produktivkräfte und Kritiker*innen des Degrowth (z. B. Matt Huber, Leigh Phillips); und sogar das bordigistische »Unmittelbare Programm« des Kommunismus. Zwar variieren die Inhalte dieser Rezepte stark und widersprechen sich in einigen Fällen direkt, doch sind sie alle insofern programmatisch, als es sich um positive ökologische Programme handelt, die im Wesentlichen durch einen konstruktiven Kampf im politischen Bereich verwirklicht werden sollen. ↩︎
    6. Dies trifft sogar auf Kohei Saito zu, den Liebling des ökosozialistischen Milieus, der die vielleicht umfassendste Kritik dieser Schule bietet, aber dennoch die Einzigartigkeit menschlicher Arbeit gegenüber den Tätigkeiten aller anderen Spezies egal in welche Zeitalter unkritisch akzeptiert. ↩︎
    7. ↩︎

  • Theorie der Partei

    Theorie der Partei

    Die Preise sind höher. Die Sommer sind heißer. Der Wind ist stärker, die Löhne niedriger und Brände entfachen sich leichter. Tornados ziehen wie Racheengel durch die Städte in der Ebene. Etwas hat sich verändert. Seuchen brennen tief im Blut. Alle zwei Jahre kommt eine große Flut, übersät mit Leichen, um den Boden einer weiteren bestraften Nation zu verwüsten. Hinter uns liegt das große Kohlenstofffeuer der Menschheitsgeschichte. Vor uns liegt ein sich verdunkelnder Schatten, geworfen von unseren eigenen Körpern, gefangen und umherwirbelnd. Jeder spürt, dass etwas ganz und gar nicht stimmt – dass ein Übel in den Boden der Gesellschaft gesickert ist – und jeder weiß, dass die Mächte und Gewalten dieser Welt daran schuld sind. Und doch fühlen wir uns alle machtlos, irgendeine Art von Vergeltung zu üben. Als Einzelne sehen wir keine Möglichkeit, Einfluss auf den Lauf der Dinge zu nehmen, und müssen einfach zusehen, wie sie über uns hinwegrollen. Wir sind entwaffnet und allein, konfrontiert mit einer dunklen Zukunft, in der schauderhafte Schrecken knapp außerhalb unseres Blickfeldes lauern, unaufhaltsam vorwärtsgetrieben, während die Ketten rasseln und die Geräusche der Qualen aus der kommenden Welt widerhallen.

    Aber mit den richtigen Augen, die zur richtigen Zeit an die richtigen Stellen schauen, kann man vielleicht den düsteren Schatten der Zukunft sehen, der von Blitzen überirdischen Lichts durchbrochen wird: blendend helle Momente, in denen für einen flüchtigen Augenblick die Perspektive auf Gerechtigkeit erscheint. Das Polizeirevier brennt, die Arbeiter strömen aus der Fabrik, Komitees bilden sich auf den Straßen und in den Dörfern, die Regierung fällt so sanft wie eine Feder, drei Patronenhülsen fallen wie Würfel – in jede ist eine Beschwörungsformel eingraviert, als wolle sie etwas Größeres heraufbeschwören. Vielleicht haben Sie es schon einmal gespürt. Das Herz wird leicht. Engelhaftes Feuer durchströmt das Fleisch, und für diesen einen atemlosen Moment wohnt etwas Unsterbliches in uns. Die Klinge des Meteors schneidet durch den Bauch eines mondlosen Himmels, und dann blinzeln wir, und es ist vorbei: Die Nationalgarde wird gerufen, die Gewerkschaften verhandeln eine Rückkehr zur Arbeit, die Komitees lösen sich auf, der gestürzte Präsident wird durch den Militärrat ersetzt, der tote CEO wird durch einen lebenden ersetzt, und Polizeikugeln fallen wie kalter, harter Regen aus den Glastürmen. Aber das Licht kann nicht ungesehen gemacht werden. Infolgedessen ist gerade diese Niederlage selbst ein Erwachen. Langsam erkennen wir, dass der kollektive, expansive Charakter des Bösen, das uns plagt, eine kollektive, expansive Form der Vergeltung erfordert. Soziale Rache erfordert eine soziale Waffe. Der Name dieser Waffe lautet Kommunistische Partei.

    Mit zunehmender Häufigkeit und Intensität von Klassenkonflikten tauchen immer häufiger organisatorische Fragen auf. Diese stellen sich zunächst als unmittelbare, funktionale Fragen, die sich aus konkreten Kämpfen ergeben und mit diesen einhergehen. Im Zuge eines bestimmten Kampfes tauchen dann umfassendere Fragen der Organisation auf, die sowohl eine praktische als auch eine theoretische Dimension annehmen. In praktischer Hinsicht konzentriert sich die Frage weitgehend auf die Aktivität treuer Parteigänger, die ohne ein unmittelbares Objekt ihrer Treue zurückbleiben. Sie drücken eine Restsubjektivität aus, die ihrer Massenkraft beraubt ist. Um es deutlicher zu sagen: Diese Individuen sind „Überbleibsel” einer bestimmten Hochphase des Klassenkonflikts. Auf dieser Ebene wird die Frage in der Regel als Problem gestellt, was dieses fragmentierte „Wir” in der Zeit zwischen den Umbrüchen tun könnte. Infolgedessen ist der Untersuchungsprozess selbst oft von einem frustrierten Eifer geprägt, und die Debatten werden in sich selbst zerfleischenden Kreisen moralischer Schuldzuweisungen geführt, die eher von einem Geist der Selbstbestrafung als von einem ernsthaften Interesse an einer Analyse getrieben sind. 

    Dennoch verzweigt sich dieselbe Fragestellung bald in ein breiteres Netz von Fragen im Zusammenhang mit „Spontaneität“, dem Verhältnis zwischen strukturellen Trends (in Beschäftigung, Wachstum, Geopolitik usw.) und den wahrscheinlichen Organisationsformen, die von Proletariern jenseits dieser übrig gebliebenen Schicht von Partisanen angenommen werden, und natürlich der Frage, wie diese Partisanen mit solchen Organisationen umgehen könnten. Von hier aus wird die Untersuchung weiterentwickelt und in ihre theoretischen Dimensionen abstrahiert, sodass sie zu einer „Frage der Organisation“ als solcher wird. Obwohl diese Frage der Organisation untrennbar mit umfassenderen Theorien darüber verbunden ist, wie die kapitalistische Gesellschaft funktioniert und wie eine andere Welt aussehen sollte, nimmt sie auch eine liminale Position ein, die gleichzeitig abstrakt (als Theorie der Revolution) und konjunkturell (als notwendiger praktischer Schritt beim Aufbau revolutionärer Macht) ist. Für sich genommen verliert jede dieser Dimensionen schnell an Bedeutung: Der notwendigerweise abstrakte Aspekt wird zu einem mechanischen Determinismus, bei dem in allen Fällen ein einziges Schema angewendet wird (sei es das der „Affinitätsgruppe“ oder das der „Kaderorganisation“); während der notwendigerweise konjunkturelle Aspekt zu einer Form der aktivistischen Untätigkeit wird, bei der gerade die Flut lokaler „Organisationsaktivitäten“ (in der Regel eine Kombination aus themenbezogener Interessenvertretung, Dienstleistungserbringung und Medienarbeit) selbst eine Form der Desorganisation darstellt, die das Partisanen-Projekt lahmlegt.

    Die Vereinheitlichung dieser divergierenden Aspekte erfordert Formen der Abstraktion, die aus konjunkturellen Momenten der Revolte hervorgehen und materiell mit ihnen verbunden sind. Jede Diskussion über Organisation muss daher entweder auf einer vollständig lokalisierten Ebene stattfinden – indem diskutiert wird, wie sich diese Menschen in dieser Situation organisieren könnten – oder als generische und synkretistische Zusammenstellung der vielfältigen Organisationsakte, die bereits den Klassenkonflikt prägen, wie ihn die Beteiligten erleben, um ihre Grenzen zu durchdenken und unser Verständnis davon zu verfeinern, was „Organisation” überhaupt genau bedeutet. Hier möchte ich eine Brücke zwischen diesen beiden Funktionen schlagen und eine theoretische Intervention vorstellen, die auf einer relativ hohen Abstraktionsebene operiert – basierend sowohl auf sorgfältigen Studien als auch auf praktischen Erfahrungen innerhalb der Rebellionen, die die Welt in den letzten fünfzehn Jahren erschüttert haben – und die ursprünglich als lokale Intervention konzipiert war, um spezifische Organisationsprojekte, die aus bestimmten sozialen Brüchen hervorgegangen sind, zu schärfen. Mit anderen Worten: Was folgt, ist eine Theorie der Partei, die dazu beitragen soll, konkrete Formen der parteipolitischen Organisation zu katalysieren. 

    Grundprinzipien

    Während wir langsam aus der langen Eklipse der globalen kommunistischen Bewegung heraustreten, befinden wir uns in einer paradoxen Situation, in der wir sowohl zu viel als auch zu wenig geerbt haben. Einerseits verfügen wir über ein reichhaltiges, wenn auch größtenteils textuelles Erbe an Intellekt und Erfahrung, das von früheren Generationen aufgebaut wurde. Und doch ist diese Geschichte inzwischen so weit entfernt, dass sie allzu leicht romantisiert wird, da einst dynamische Programme und Polemiken zu Schemata erstarrt sind und die feurigen Leidenschaften jener Zeit zu einer betäubenden Nostalgie abgekühlt sind. Andererseits hat uns der lange Winter der Unterdrückung in Bezug auf konkrete Erfahrungen und Mentoren nichts als verstreute Überreste hinterlassen. Die Parteien der Vergangenheit wurden alle im Destillierkolben der Repression eingeschmolzen. Die großen Geister wurden gebrochen. Verrat folgte auf Verrat. Die Mutigen wurden zerschlagen und die Feiglinge flohen. Nur die Toten blieben in ihrem Schweigen rein. Unsere Generation wuchs daher in der Wildnis auf, unser Kommunismus war unkultiviert und wild, nur von der rohen Kraft des Kapitals geprägt. Infolgedessen stellen wir nun fest, dass jede Untersuchung der „Frage der Organisation” sofort sowohl durch diese Überfülle an zu weit zurückliegender Geschichte, die allzu leicht zu überladenen Fan-Fiction wird, als auch durch das Fehlen lebendiger Institutionen, die den revolutionären Geist des Partisanenprojekts weiterführen, belastet wird.

    Kollektive Subjektivität

    Auf den ersten Blick scheint die Frage offensichtlich: Was benötigt wird, ist mehr „Organisation“. Sobald man sich jedoch damit befasst, erweist sich die grundlegende Definition von „Organisation“ als unklar und verschwindet bei dem Versuch, genau zu artikulieren, was damit gemeint ist. Oft dient die Frage selbst nur als Schlagwort. Das Muster ist bekannt: Der „Theoretiker“ blickt auf die jüngsten Kämpfe zurück, diagnostiziert ihre offensichtlichen Grenzen, führt diese auf eine bewusste Entscheidung schlechter oder zumindest naiver Akteure zurück, die sich zu ihrem eigenen Nachteil für „horizontale“ oder „führerlose“ Kampfformen entschieden haben, und verschreibt dann „Organisation“ als Allheilmittel, das in der Vergangenheit hätte gewählt werden müssen und in Zukunft gewählt werden muss.1 Dabei versäumen es solche „Theoretiker“ zunächst, ein konkretes Bild davon zu vermitteln, wie eine „Organisation“ in der tatsächlichen Situation der Rebellen hätte aussehen können, da es offensichtlich keine revolutionäre Armee gab, die auf die notwendigen Befehle wartete. Noch wichtiger ist, dass sie in ihrer fanatischen Besessenheit von richtigen Ideen auch die grundlegendste Dynamik sozialer Revolten nicht begreifen, in denen aus Massenaktionen eine Form kollektiver Intelligenz entsteht, die über das Denken einzelner Teilnehmer oder sogar programmatischer Gruppierungen politischer Akteure hinausgeht. 

    Die eigentliche Frage ist jedoch eine ganz andere. Wie jeder, der an einer der großen Rebellionen der letzten fünfzehn Jahre teilgenommen hat, bestätigen kann, mangelt es nie an solchen „Organisationstheoretikern“ oder sogar an kleinen militanten Gruppierungen, die sich aus gleichgesinnten „Kadern“ zusammensetzen und mitten in der Revolte agieren, wobei alle aktiv für ihre eigene Sichtweise der Organisation eintreten, die mit einem kohärenten politischen Programm verbunden ist. Warum scheint sich dann niemand für das zu interessieren, was diese Personen anbieten? Der Grund ist in der Regel ganz einfach: Sie bieten nichts anderes an als das Wort „Organisation“ selbst, dies ad infinitum wiederholend. Obwohl sie selbst vom Gegenteil überzeugt sind, bieten solche Personen und ihre sogenannten „Organisationen“ in der Regel keine konkreten taktischen Erfahrungen oder strategischen Kenntnisse und sind daher nicht in der Lage, die Revolte über ihre Grenzen hinaus voranzutreiben und substanzielle Formen proletarischer Macht aufzubauen. Aus diesem Grund werden sie schnell von der kollektiven Intelligenz der Rebellion selbst ausmanövriert. Selbst in den seltenen Fällen, in denen sie tatsächlich etwas zu bieten haben, gelingt es ihnen nicht, sich so effektiv zu organisieren, dass sie überhaupt jemanden davon überzeugen könnten, sich für das zu interessieren, was sie zu sagen haben. Mit anderen Worten: Sie haben keine Möglichkeit, mit der breiteren Rebellion in Kontakt zu treten oder sich mit ihr auseinanderzusetzen.2

    Dieser Ansatz zur Frage der Organisation ist selbst ein Symptom für konkrete taktische Grenzen, die sich in der Unfähigkeit von Rebellionen zeigen, bedeutende soziale Veränderungen herbeizuführen oder Formen proletarischer Macht zu schaffen, die nach ihrem Ende Bestand haben können. Er ist aber auch rückständig, da er groß angelegte, programmatische Organisationen, die als Ergebnis jahrzehntelanger revolutionärer Kämpfe in früheren Epochen entstanden sind, als Ausgangspunkt für die Kämpfe von heute nimmt, als ob solche Gebilde durch reine Willenskraft wiederbelebt werden könnten. Der tatsächliche Organisationsprozess ist genau das Gegenteil: Inmitten von Kämpfen und Rebellionen unterschiedlicher Intensität entstehen aus den taktischen Herausforderungen, denen sich die kollektive Intelligenz der Beteiligten stellen muss, unzählige Organisationsformen (die oft fälschlicherweise als „spontan” oder „informell” bezeichnet werden), und erst wenn diese praktische Grundlage der Volksmacht gebildet ist, können „strategischere” oder theoretischere Formen der großräumigen Koordination und Machtbildung Gestalt annehmen. Mit anderen Worten: Diejenigen, die sich der Rebellion anschließen und fordern, dass „wir uns organisieren”, gehen von einem „wir” aus, das noch nicht existiert.

    Die Frage der Organisation muss sich zunächst darauf konzentrieren, kollektive Subjektivität aufzubauen, nicht sie zu befehlen. Der Ausgangspunkt der Theorie der Partei ist daher nicht die Frage, wie „wir“ uns organisieren sollten. Stattdessen stellt sich eine doppelte Frage: Wie kann aus den eindeutig nicht-kommunistischen, alltäglichen Kämpfen der Klasse eine spezifisch kommunistische Form revolutionärer Subjektivität hervorgehen? Und wie könnten bestimmte Fraktionen einzelner kommunistischer Partisanen, die aus diesen Kämpfen hervorgegangen sind, wieder in diese Verhältnisse eingreifen, um diese partisanische Subjektivität in und über einzelne Kämpfe hinaus weiterzuentwickeln? Die Entstehung der Partei ist ebenso sehr ein Prozess des Sammelns und Lernens aus der kollektiven Intelligenz der Klasse inmitten von aufrührerischen Konflikten wie eine propositionalen Intervention oder programmatische Synthese. Anstatt auf die jüngsten Aufstände in einem rein negativen Sinne zurückzublicken und ihre Grenzen als Folge falscher Ideen zu verstehen, betrachtet die partisanische Untersuchung diese Misserfolge in erster Linie als materielle Grenzen, die sich taktisch ausdrücken und auch eine treibende, subjektive Kraft in sich tragen. Infolgedessen können sie in einem positiven Sinne als angesammeltes Repositorium kollektiver Experimente gelesen werden, wenn auch nur insofern, als diese Experimente dazu dienen, zukünftige Revolutionszyklen zu beeinflussen.

    Die taktische Avantgarde und das Siegel

    Die taktischen Grenzen, die sich aufbauen, um jeden sozialen Bruch einzudämmen, können nur durch Handeln überwunden werden, und nur Handeln entwickelt kollektives Denken. Handeln ist die notwendige Schnittstelle zwischen dem isolierten Denken von Individuen oder Gruppen und der massenhaften Subjektivität, die sich in der breiteren Rebellion ausdrückt. Herkömmliche Ansätze zur Frage der Organisation gehen in der Regel davon aus, dass Handeln aus individuellen moralischen oder politischen Überzeugungen resultiert. Diese Ansätze sind insofern „diskursiv“, als sie davon ausgehen, dass politischem Handeln der intellektuelle Vorschlag eines bestimmten Programms vorausgeht. Mit anderen Worten: Es wird angenommen, dass Menschen durch Gespräche, Polemik oder Propaganda davon überzeugt werden, bestimmte politische Ideen zu übernehmen, und dass diese Ideen dann die Übernahme bestimmter strategischer Orientierungen und damit verbundener taktischer Praktiken implizieren. Die Geschichte zeigt jedoch genau das Gegenteil: Politische Positionen entstehen eher aus taktischem Handeln als aus der diskursiven Durchsetzung moralischer oder ideologischer Argumente. 

    Das Programm an die erste Stelle zu setzen, ist daher rückständig und führt in der Praxis oft zu einer Form der Desorganisation. In Wirklichkeit entsteht Organisation durch die praktische Überwindung materieller Grenzen, wobei ihre intellektuellen, ästhetischen und ethischen Verpflichtungen im Hintergrund bleiben. Mit anderen Worten: Menschen treten nicht en masse Organisationen bei, unterstützen sie oder übernehmen ihre politischen Positionen, Symbole und allgemeinen Einstellungen, weil sie mit ihnen übereinstimmen. Sie tun dies, weil diese Organisationen Kompetenz und Stärke zeigen. In der Militärtheorie wird dieser Prozess als Kampf um die „konkurrierende Kontrolle” über ein offenes Konfliktfeld verstanden.3 Erst nachdem diese konkrete Führungsstärke in der Praxis etabliert wurde, werden Menschen empfänglich für die abstraktere Führungsstärke in Programmen und Prinzipien. Selbst wenn der propositionale Ansatz also ein theoretisch aufschlussreiches und praktisch nützliches Programm besitzt, wird dieses Programm dennoch keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen können, solange seinen Anhängern die Fähigkeit fehlt, die notwendigen taktischen Interventionen durchzuführen, um mit der kollektiven Intelligenz des Aufstands in Kontakt zu treten.

    Darüber hinaus sollten diese Programme selbst als lebendige Ausdrucksformen ihres politischen Moments betrachtet werden. Selbst ihre umfassendste Strukturanalyse drückt eine Form kollektiver Intelligenz aus, die auf eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort beschränkt ist. Infolgedessen sind sie nicht nur provisorisch, sondern müssen auch ergänzt werden und sich aus dem Handeln ergeben. Dieser Prozess formt dann diese Positionen selbst neu und erzeugt neue Formen des politischen Denkens. Die Politik verbreitet und entwickelt sich dadurch über diese taktische Schnittstelle. Durch mutige Taten, die die taktischen Grenzen eines bestimmten Kampfes durchbrechen, kann die Symbolik einer bestimmten Gruppe von Partisanen eine zusätzliche memetische Kraft entwickeln und zu dem werden, was ich als Siegel bezeichne: eine flexible, symbolische Form, die eine bestimmte Dimension der kollektiven Intelligenz der Rebellion in einer vereinfachten visuellen Grammatik komprimiert und verbreitet und dadurch eine expansivere Form der Subjektivität (die historische Partei, die weiter unten untersucht wird) erschließt.4  In ihrer rudimentärsten Form wirken Siegel auf ästhetischer Ebene: Dinge wie die gelbe Weste oder der gelbe Helm aus den Kämpfen der späten 2010er Jahre. In ihrer ausgefeilteren Form umfassen sie bestimmte taktische Praktiken oder organisatorische Dispositionen, die durch einen Namen und ein Paket minimaler Praktiken vermittelt werden: Betriebsräte, Nachbarschafts-Widerstandskomitees, Besetzungen öffentlicher Plätze usw. Das Siegel setzt Taktiken in weitgehend reproduzierbare Formen um und bietet einen minimalen Zugang, durch den Uneingeweihte (d. h. der Teil der Bevölkerung, der normalerweise als „unpolitisch“ gilt) in den Moment des Bruchs eintreten können. Das Siegel öffnet somit die Aktion für eine breitere soziale Basis von Teilnehmer*innen, unabhängig davon, ob sie sich an diskursive oder programmatische Punkte der Einhalt halten.

    Das Siegel entwirft damit eine vorläufige Form kollektiver Subjektivität aus der wogenden Flut der Geschichte. Gleichzeitig ruft es durch seine scheinbar okkulte Kraft eine parteiische Kraft aus der Klasse hervor und strukturiert diese amorphe Subjektivität als praktischer Wegweiser für konkrete Taktiken auch in minimale Organisationsformen. Obwohl memetisch, ist das Siegel nicht in erster Linie ästhetisch und stützt sich für seine Verbreitung nicht auf ein bestimmtes technisches Medium. Siegel entstehen nur durch taktische Beispiele. Politische Dispositionen folgen dann dem Siegel und dienen als chaotische, meist unbewusste Artikulation dieser radikalen Handlungen im Nachhinein. Jemand mit einem gelben Helm zerschlägt die Fenster des Parlaments; das Paket politischer Gefühle und politischer Konflikte, das mit dieser symbolischen Handlung verbunden ist – in diesem Fall der rechte Lokalismus in Hongkong – kann dann durch memetische Replikation weiter verbreitet werden, wodurch die damit verbundenen Symbole und Praktiken den ästhetischen und taktischen Raum der Rebellion leichter hegemonisieren und das Charisma ihrer zugehörigen politischen Positionen weiter verstärken können.5

    Existentielle Kämpfe 

    Eine ebenso wichtige Unterscheidung ist die zwischen dem partisanischen Projekt, das nur in und durch größere soziale Brüche aufgebaut werden kann, und den eingeschränkteren Formen des Kampfes, die im ständigen Brodeln des Klassenkonflikts sichtbar werden.6 Jede kommunistische Organisation muss sich notwendigerweise an den Kämpfen um den Lebensunterhalt orientieren, die aufgrund der widersprüchlichen Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft ständig in der gesamten Klasse auftreten. Auch wenn umfassendere politische Ereignisse über diese Kämpfe hinausgehen – und dieser Überschuss ist der eigentliche Ort, an dem eine subjektive Kraft entsteht (siehe unten) –, liegen dennoch anfängliche Konflikte über die Bedingungen und die Durchsetzung des Lebensunterhalts am Ursprung dieser Ereignisse. In ähnlicher Weise strukturieren diese Kämpfe um den Lebensunterhalt das Feld, in dem die Organisation zwischen bestimmten Aufständen bestehen bleiben muss. Jede kommunistische Organisation muss daher in der Lage sein, sich kontinuierlich in konkrete Klasseninteressen umzusetzen, indem sie praktische Funktionen in Bezug auf die spezifischen Bedingungen des Auskommens zu einem bestimmten Zeitpunkt und die spezifischen Methoden, mit denen das Auskommen der Klasse aufgezwungen wird, übernimmt. 

    Kommunisten müssen sich jedoch auch mit Existenzkämpfen als einer zu überwindenden Grenze auseinandersetzen. Da die Forderungen und Beschwerden, die in solchen Kämpfen zum Ausdruck kommen, aufgezwungene Interessen sind, die letztlich aus Identitäten hervorgehen, die vom Kapital konstruiert wurden (wie beispielsweise in der rassistischen Ablehnung von Arbeitsmigranten zu sehen ist), führt das bloße Verteidigen des materiellen Wohlergehens (d. h. das Kämpfen für reale Zugewinne für die Arbeiterklasse) letztendlich dazu, dass eine kommunistische Organisation ihre Treue zum größeren kommunistischen Projekt verliert. Der zündende Impuls eines jeden Kampfes wird durch tausend kleine Kompromisse ausgeblutet. Tatsächlich ist der „Sieg” in einem jeden Existenzkampf oft selbst eine Niederlage: Der mörderische Polizist wird vor Gericht gestellt (vielleicht sogar für schuldig befunden), die Lohnerhöhung wird durchgesetzt, das umweltschädliche Entwicklungsprojekt wird gestrichen, das umstrittene Gesetz wird zurückgezogen, der Präsident tritt zurück (und die Macht geht an die „Übergangsregierung” über). Der mit Abstand beste Weg, eine kommunistische Bewegung zu besiegen, besteht darin, dass die Partei der Ordnung echte Erfolge in Existenzkämpfen zugesteht und diese Erfolge unter ihrem eigenen Banner konsolidiert.

    Allgemein definiert sind Subsistenzkämpfe solche, die sich auf konkrete Fragen des Überlebens unter kapitalistischen Bedingungen konzentrieren. Obwohl diese Kämpfe mehrere Dimensionen haben, lassen sie sich grob in Kämpfe um die Bedingungen der Subsistenz und Kämpfe um die Auferlegung dieser Bedingungen auf die Bevölkerung unterteilen. Erstere konzentrieren sich in der Regel auf relativ eng gefasste Verteilungsfragen des Zugangs zu sozialen Ressourcen, während letztere sich eher auf die umfassenderen Fragen des Überlebens und der Würde konzentrieren, die sich aus der Verteilung dieser Ressourcen ergeben. 

    Die erste Kategorie, Kämpfe um die Lebenshaltungskosten, dreht sich fast immer in irgendeiner Weise um das Preisniveau. Diese lassen sich weiter unterteilen in Kämpfe um allgemeine Güterpreise (Lebenshaltungskosten, insbesondere Mieten), Kämpfe um den Preis der Arbeitskraft (Löhne, Renten und andere Sozialleistungen) oder Kämpfe um die Preisgestaltung von Dienstleistungen und Ressourcen, die über den Staat bereitgestellt werden (Sozialhilfe, Infrastruktur, Bildung). Institutionelle Unterschiede zwischen den einzelnen Orten sorgen dafür, dass bestimmte Themen (wie das Gesundheitswesen) auf der einen oder anderen Ebene angesiedelt sind oder beide Ebenen betreffen. Plötzliche Preissprünge oder Umverteilungen sozialer Güter können sicherlich groß angelegte Proteste auslösen, und langfristige Inflation und Korruption können die Häufigkeit von Kämpfen um den Lebensunterhalt erhöhen. In der Regel lassen sich diese Kämpfe jedoch leichter in den politischen Bereich integrieren und nehmen nur unter extremen Bedingungen oder wenn parteiische Organisationen existieren, die sie in diese Richtung treiben, eine radikale Wendung. Aus diesem Grund tendiert ihr politischer Ausdruck zu einem einfachen Populismus, der sich auf die Wiederherstellung eines stabilen Preisniveaus konzentriert, das vermutlich durch externe Eingriffe (durch einen Teil der rentenorientierten Eliten) in das ansonsten effiziente Funktionieren des Marktes verzerrt wurde. 

    Die zweite Kategorie, Kämpfe gegen die Auferlegung dieser Existenzbedingungen für die Bevölkerung, konzentriert sich auf das reine Überleben und die Würde im Leben und bei der Arbeit. Am offensichtlichsten sind die wiederkehrenden, kleineren Proteste gegen Polizeimorde an Armen in einem bestimmten Stadtteil (zumindest diejenigen, die noch keine Massenaufstände sind), Kämpfe gegen Inhaftierungen, rein lokale Proteste gegen Abschiebungen usw. Aber diese Art von Kämpfen überschneidet sich auch mit den anderen. Am Arbeitsplatz beispielsweise sind Kämpfe um die Lebensbedingungen oft weniger durch ihr unmittelbares Ziel (z. B. höhere Löhne) motiviert als durch den Widerstand gegen autoritäre Führungskräfte oder die unterschiedliche Behandlung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit oder des Migrationsstatus innerhalb des Unternehmens. Solche Konflikte sind oft die brisantesten Themen am Arbeitsplatz, wie jeder weiß, der schon einmal in einem Betrieb organisiert hat. Ähnlich verhält es sich, wenn Kämpfe um die Lebensbedingungen auf Polizeigewalt stoßen: Sie werden sofort zu Kämpfen gegen die Auferlegung dieser Bedingungen für die Bevölkerung. Diese Kämpfe sind daher umfassender als die der ersten Art, nehmen schnell offenere politische Züge an und äußern sich oft als Kämpfe gegen die Herrschaft an sich. 

    Im Gegensatz zu Kämpfen um die Lebensbedingungen, die sich oft anhand politischer Entwicklungen und Preisniveaus recht genau vorhersagen lassen, sind Kämpfe gegen die Auferlegung dieser Bedingungen für die Bevölkerung äußerst schwer vorherzusagen. Abgesehen von der allgemeinen Erkenntnis, dass solche Kämpfe am ehesten in bestimmten Gebieten und unter Bevölkerungsgruppen ausbrechen, die extremer Erniedrigung ausgesetzt sind, und dass sie sich am effektivsten ausbreiten, wenn ein bestimmter Fall weit verbreitet bekannt wird, ist es beispielsweise schwierig zu sagen, wann ein bestimmter Polizeimord zu Protesten führen wird, und praktisch unmöglich zu sagen, wann er eine weit verbreitete Revolte auslösen könnte, die dann über ihre ursprünglichen Grenzen hinausgeht. In der Regel sind diese Kämpfe jedoch schwieriger über bestehende Institutionen zu kontrollieren und verbreiten sich leichter, da ihre Unterdrückung weitere Revolten auslöst. 

    Bestimmte Konstellationen von Existenzkämpfen bilden den Nährboden für Massenaufstände, die dann über diese ursprünglichen Grenzen hinauswachsen und nicht mehr nur Ausdruck dieser zugrunde liegenden Existenzkonflikte sind. Obwohl beide Arten von Existenzkämpfen hier eine Rolle spielen, ist es in der Regel die zweite Art, die als unmittelbarer Auslöser fungiert. Die anhaltenden Proteste in Indonesien sind ein gutes Beispiel dafür: Die seit langem schwelenden Kämpfe um die Lebensbedingungen (Lebenshaltungskosten, staatliche Verteilung von Ressourcen, Zugang zu Beschäftigung usw.) bildeten die Grundlage für eine Reihe von Beschwerden, die zunächst nur zu begrenzten Protesten führten. Diese eskalierten dann zu einem massiven Jugendaufstand, nachdem die Polizei einen Lieferfahrer brutal ermordet und weitere Proteste gewaltsam unterdrückt hatte, was zu weiteren Todesfällen führte. Dennoch finden auch aggressive Kämpfe gegen die Auferlegung von Lebensbedingungen innerhalb derselben Grenzen statt wie alle anderen Kämpfe um Lebensbedingungen und bringen konkrete Interessen zum Ausdruck, die dann von der Partei der Ordnung kooptiert werden können.7

    Ökumenisch und experimentell

    Jeder Anspruch einer Partei, den einzig wahren Weg zur Revolution zu kennen, ist offensichtlich lächerlich. Revolutionen sind weder in der Theorie noch in der Praxis monokulturell. Das Einzige, was Kommunisten vereinen sollte, ist daher eine strikte Ablehnung von Sektierertum und jeglichem Anspruch auf Gewissheit. Unsere Praxis muss von Anfang an ökumenisch und experimentell sein, Unterschiede kultivieren, zusammenführen und katalysieren, die dann in einen ständigen Dialog miteinander gebracht werden. Nur wenn wir heterogene Ansätze in unsere Bemühungen einbeziehen, können wir erwarten, neue Lösungen für die unzähligen intellektuellen und taktischen Grenzen zu finden, mit denen jeder revolutionäre Prozess konfrontiert ist. Dies erfordert eine Haltung der Offenheit gegenüber apolitischen oder antipolitischen Strömungen sowie gegenüber denen, deren stilistischer oder tonaler Ausdruck von Politik sich von unserem eigenen unterscheidet, anstatt solche ästhetischen Unterschiede klobig in angeblich politische Kritik umzuwandeln. 

    Gleichzeitig ist Ökumene nicht gleichbedeutend mit Eklektizismus. Und Experimentalismus ist nicht dasselbe wie die Romantisierung von Neuem. Es geht nicht darum, einfach „das Nützliche” aus einer beliebigen Quelle zu „entlehnen”, um ein fröhliches Patchwork radikaler Ideen zu schaffen, oder sich auf eine „neue” Taktik oder Haltung im Kampf zu versteifen (die in Wirklichkeit fast immer eine alte ist), sondern vielmehr darum, fragmentarische Wahrheiten herauszuarbeiten und zu einer vielfältigen, aber dennoch kohärenten kommunistischen Idee zu integrieren, die von allen Partisanen geteilt wird, wobei jeder das gleiche Grundprojekt in unzähligen Dimensionen ausarbeitet. Der Kommunismus hält gerade durch die Vielfalt der Ausdrucksformen, aus denen er besteht, zusammen. Diese Vielfalt setzt jedoch voraus, dass diese Ausdrucksformen dennoch um eine bestimmte Reihe von Mindestbedingungen zirkulieren, ähnlich wie ein Pendel um einen bestimmten (aber auch virtuellen oder emergenten) Schwerpunkt schwingt. So weit wie möglich vereinfacht lassen sich diese Bedingungen wie folgt zusammenfassen:  die Überzeugung, dass das Ziel eines solchen Projekts die Schaffung einer planetarischen Gesellschaft ist, die nach den Prinzipien der Deliberation, der Nicht-Dominanz und der freien Assoziation funktioniert und die enormen (wissenschaftlichen, produktiven, spirituellen, kulturellen usw.) Fähigkeiten der menschlichen Spezies nutzt, um ihren Stoffwechsel mit der nicht-menschlichen Welt wiederherzustellen. 

    Diese Mindestbedingungen entfalten sich dann zu einer Reihe weiterer Fragen und Schlussfolgerungen, die durch das Partisanen-Projekt selbst ausgearbeitet werden müssen. Per Definition muss jede Gesellschaft, die nach diesen Prinzipien funktioniert, die indirekte oder verdeckte Herrschaft, die in Werten als soziale Form (einschließlich Geld, Märkte, Löhne usw.) und in den daraus folgenden Formen legaler und illegaler Identität (d. h. der Status als „Bürger“ eines „Landes“ mit unterschiedlichen Rechten) verankert ist, sowie direkte Formen der Herrschaft, die sich im Staat, in der obligatorischen Einbindung in autoritäre Familieneinheiten, in patriarchalen oder fremdenfeindlichen Bräuchen usw. ausdrücken, abschaffen. Ebenso muss der Kommunismus, da er einen Phasenübergang zwischen fundamental unterschiedlichen Formen der sozialen Organisation mit sich bringt, aus einem revolutionären Bruch mit der alten Welt hervorgehen und kann nicht langsam durch evolutionäre Mittel der allmählichen Reform und Entwicklung der Produktivkräfte erreicht werden. Daraus ergibt sich vielleicht die wichtigste Trennlinie: jene, die Kommunisten von all jenen trennt, die das zügellose Verhalten der Menge im Moment des Aufstands fürchten, abtun oder als infantil betrachten und stattdessen entweder geordnete und „friedliche“ Protesttaktiken oder eine mythische Form militanter Disziplin bevorzugen, als wären Aufstände chirurgische Militäroperationen und nicht chaotische Massenerhebungen.

    Oberflächlich betrachtet scheint dies ein Paradoxon zu sein: Wenn wir Einigkeit als Synonym für Gleichheit und damit als das genaue Gegenteil von Vielfalt oder Unterschiedlichkeit betrachten, würden diese Bedingungen einen ausschließenden Charakter annehmen, der dem Geist der Ökumene widerspricht. Was hier jedoch vorgeschlagen wird, ist keine strenge oder übergeordnete Einheit, die untergeordnete Elemente außer Kraft setzt und vereinheitlicht, sondern lediglich ein erforderliches Maß an Kohärenz. Diese Mindestbedingungen müssen zwar durchgesetzt werden, um ein ökumenisches Umfeld zu gewährleisten, das die Verbreitung wahrhaft kommunistischer Ideen ermöglicht, doch ist dieser Prozess der Einschränkung gleichzeitig auch generativ. Ohne eine solche Durchsetzung würden nicht-kommunistische „radikale” oder „linke” Ideen, die näher am gesunden Menschenverstand der populären Ideologie liegen, kommunistische Inhalte schnell verwischen. Obwohl es wichtig sein wird, mit diesen vagen „sozialistischen”, „abolitionistischen” oder „aktivistischen” Strömungen im Gespräch zu bleiben – da ihre eigenen Widersprüche dazu neigen, eine Minderheit intelligenterer Teilnehmer zum Kommunismus zu führen –, ist es noch wichtiger, sich von ihnen abzugrenzen und sich zu weigern, das kommunistische Projekt in diesem lauwarmen radikalen Liberalismus aufzulösen. Dies ermöglicht es uns dann, die Grundlage für unsere eigenen Experimente zu schaffen, sodass kommunistische Partisanen verschiedene Formen der Intervention und des Engagements ausprobieren und die Ergebnisse anschließend klar und nüchtern zusammenstellen können.  

    Theorie der Partei

    Wenn wir von kommunistischer Organisation sprechen, meinen wir nicht Organisation im Allgemeinen. Obwohl verschiedene Organisationstheorien – aus der Kybernetik, Biologie oder sogar aus Beispielen für Koordinationsstrukturen in Unternehmen oder beim Militär – natürlich aufschlussreich sind, fehlt ihnen doch ein notwendigerweise transzendentes Merkmal: die parteiische Ausrichtung auf eine Idee. Partisanentum erfordert nicht nur eine Theorie der Organisation, sondern speziell der Partei. Darüber hinaus ist es für Kommunisten eine Frage, die nur durch eine in der Praxis ausgearbeitete „Theorie” der Partei formuliert werden kann: eine Theorie, die kontinuierlich aus den praktischen Lehren aus der langen Geschichte der Klassenkämpfe aufgebaut und immer wieder in diesen Konflikt zurückgeführt wird, um getestet und weiter verfeinert zu werden. Auch wenn diese Theorie zu einem bestimmten Zeitpunkt von bestimmten Denkern zusammengestellt und artikuliert werden mag, drückt sie letztlich ein kollektives Erbe aus, das durch das Handeln der Klasse kontinuierlich neu gelernt und neu erfunden wird.

    Die historische Partei (invariant)

    Auf einer hohen Abstraktionsebene können wir die Theorie der Partei in drei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Konzepte unterteilen. Das erste davon, die historische Partei, ist auch das umfangreichste und umfasst die Summe der scheinbar spontanen Formen massenhafter Unruhen, die immer wieder aus Kämpfen um die Lebensbedingungen hervorgehen. Es wird im Singular gesprochen: Es gibt eine einzige historische Partei, die unter der kapitalistischen Gesellschaft in allen Regionen und Epochen brodelt, obwohl sie nur in ihrem Aufschwung sichtbar wird. Marx bezeichnet sie auch als „Partei der Anarchie”, da sie von der „Partei der Ordnung”, die sie zu unterdrücken versucht, und von der „Anti-Partei”, die sie vollständig ausschließen will, als solche behandelt wird.8 Diese Partei ist in den schwelenden Kämpfen um den Lebensunterhalt immer zumindest vage erkennbar. Allerdings drücken Existenzkämpfe an sich keinen kommunistischen Inhalt aus und nehmen nicht „natürlich“ einen partisanen Charakter an. Ganz im Gegenteil: Existenzkämpfe neigen dazu, die bestimmten Interessen sozial geprägter Identitäten zum Ausdruck zu bringen, und daher ist es am wahrscheinlichsten, dass sie relativ begrenzte, repräsentative Forderungen entwickeln, die, selbst wenn sie über „soziale Basisbewegungen“ zum Ausdruck gebracht werden, vollständig im Bereich der konventionellen Politik operieren: Reformforderungen an die bestehenden Mächte, Appelle an die öffentliche Meinung und sogar die Durchsetzung der isolierten Interessen eines Teils der Klasse gegenüber anderen.

    Existenzkämpfe allein lassen sich am besten als Ausdrucksformen politischen Bewusstseins verstehen, in denen „Subjektivität“ auf die bloße Repräsentation der sozialen Stellung reduziert wird. Im Gegensatz dazu entsteht der emanzipatorische Horizont, der in der Bewegung der historischen Partei sichtbar wird, nur über die Repräsentation hinaus, obwohl er notwendigerweise auch aus einer bestimmten sozialen Verortung hervorgeht (d. h. aus den spezifischen Konflikten und Machtverhältnissen, die diesem Ort eigen sind). Revolutionäre Subjektivität ist die Ausarbeitung einer praktischen Universalität, die in Spannung zu ihren eigenen Entstehungsbedingungen steht.9 So wird die Existenz der historischen Partei am deutlichsten, wenn die Kämpfe ums Überleben eine bestimmte Intensität erreichen, an der sie einen selbstreflexiven Charakter annehmen, der über die Grenzen ihrer ursprünglichen Beschwerden hinausgeht. In herkömmlicher Terminologie ist dies der Punkt, an dem einzelne Kämpfe zu vielfältigen „Massenaufständen” werden. Diese exzessiven sozialen Brüche können dann auch zu politischen Singularitäten werden, oder zu dem, was der politische Philosoph Alain Badiou als „Ereignisse” bezeichnet, die das Gefüge dessen, was an einem bestimmten Ort möglich erscheint, verzerren und dadurch die Koordinaten der politischen Landschaft neu ordnen.10

    Für sich genommen ist die historische Partei eine nicht-ganz-subjektive-Kraft. Obwohl sie sicherlich Formen des „Klassenbewusstseins“ hervorbringt, agiert die historische Partei selbst auf einer Ebene, die am besten als Unterbewusstsein der Klasse beschrieben werden kann. Daher wirkt sie oft unausgereift, undurchschaubar und reaktiv. Darüber hinaus ist die Intensität einer bestimmten Reaktion oft äußerst schwer vorherzusagen. Beispielsweise kommt es ständig zu Tötungen durch die Polizei, aber nur bestimmte Fälle – die im Wesentlichen mit allen anderen identisch sind – führen zu Massenaufständen. Nichtsdestotrotz hängt die Bewegung der historischen Partei offensichtlich auch mit langfristigen strukturellen Trends an einem bestimmten Ort und in der kapitalistischen Gesellschaft als Ganzes zusammen. Tatsächlich können wir uns sogar vorstellen, dass sie durch die inhärente Spannung zwischen sozial existierenden Identitäten (dem anti-emanzipatorischen „politischen Bewusstsein“ von Existenzkämpfen und sozialen Bewegungen) und ihrer übermäßigen Überbetonung in dem Ereignis vorangetrieben wird. 

    Dies erklärt die Höhen und Tiefen der historischen Partei, die durch das Zusammentreffen dieser objektiven Trends und ihre subjektive Ausarbeitung im Klassenkampf bestimmt werden, sowie ihre Unveränderlichkeit. Die grundlegenden Gesetze der kapitalistischen Gesellschaft ändern sich nicht, und Krise und Klassenkampf sind die Mittel, durch die sich diese Gesellschaft reproduziert. Aus diesem Grund wird es immer zu Existenzkämpfen kommen, die, wenn sie mit einer bestimmten Häufigkeit und Intensität auftreten, immer dazu neigen, über ihre eigenen Grenzen hinauszuschwappen und politische Ereignisse hervorzurufen, in denen die historische Partei sichtbar wird. Durch ihren Konflikt mit der bestehenden Welt projiziert die historische Partei dann ein Bild des Kommunismus ins Negativ.

    Dieses Bild ist in zweierlei Hinsicht unveränderlich. Erstens bleiben die Mindestvoraussetzungen für die Zerstörung der kapitalistischen Gesellschaft unverändert, da sich die grundlegende soziale Logik dieser Gesellschaft nicht ändert. Wir können dies als „theoretische“ oder „strukturelle“ Unveränderlichkeit betrachten. Zweitens ist auch der Prozess, durch den revolutionäre Subjektivität Gestalt annimmt, unveränderlich, da Kommunisten immer mit denselben zentralen Problemen konfrontiert werden und auf ähnliche Reaktionen der Kräfte der sozialen Ordnung stoßen, was zu einem strategischen Feld führt, das in grundlegender Weise mit dem identisch ist, mit dem revolutionäre Kräfte in der Vergangenheit konfrontiert waren. Wir können dies als „praktische“ oder „subjektive“ Unveränderlichkeit betrachten.

    Die Enteignung, die der Existenz des Proletariats zugrunde liegt und sich in den alltäglichen Existenzkämpfen zeigt, sowie die Möglichkeit der proletarischen Macht, die sich in den politischen Exzessen des Ereignisses manifestiert, verbinden sich zu einem potenziellen, virtuellen oder spektralen Bild des Kommunismus, das aufgrund einer Kombination aus Umständen und Temperament für bestimmte Beteiligte sichtbar ist, für andere jedoch nicht. Indem sie die Grenzen eines bestimmten Kampfes aufzeigen, entwickeln diese Beteiligten ein größeres Muster, Prinzip oder eine Wahrheit: die unveränderliche Idee des Kommunismus. Aus dem gleichen Grund öffnen Ereignisse direkt eine bestimmte Dimension des Absoluten und verbinden Aufstände aus sehr unterschiedlichen Zeiten und Orten zu derselben Ewigkeit, die selbst eine Reflexion der potenziellen kommunistischen Zukunft in der Gegenwart ist.

    Die formelle Partei (vergänglich)  

    Formelle Parteien stellen Versuche dar, dieses Muster innerhalb und außerhalb von Ereignissen auszuarbeiten und diese unveränderliche Idee in die vergängliche Materie selbstbewusster Versammlungen von Individuen einzuprägen. Von formellen Parteien wird im Plural gesprochen: Es gibt immer mehrere formelle Parteien, die gleichzeitig agieren, wobei jede nach ihrer eigenen Methode der Koppelnavigation ihren Weg sucht und so das Muster oder Prinzip in unterschiedliche Richtungen ausarbeitet, die häufig gegeneinander wirken.

    Keine einzelne formelle Partei kann jemals als „“Vorhut“ der Klasse als Ganzes bezeichnet werden. Dennoch wird die historische Partei, genau wie die sich auftürmenden Wellen eine tiefere fließende Bewegung darunter repräsentieren, immer ihre eigenen Avangarde hervorbringen. Jede formelle Partei hat daher das Potenzial, als eine von vielen Avantgarden der historischen Partei zu fungieren. Diese Avantgarden agieren oft in unterschiedlichen Dimensionen: Einige formelle Parteien bringen ein fortgeschritteneres und umfassenderes theoretisches Verständnis zum Ausdruck, während andere über verfeinertes taktisches Wissen verfügen oder einfach ihren Geist im Kampf hell erstrahlen lassen, wobei jede mutige Tat ein neues Signalfeuer entzündet, um die Klasse in ihren schicksalhaften Kampf zu führen.

    Diese Parteien entstehen in der Regel aus dem selbstreflexiven Übermaß des Ereignisses, können jedoch auch in intervallischen Perioden in schwacher Form auftreten, insbesondere wenn das allgemeine Niveau der parteipolitischen Subjektivität hoch ist. Im Grunde entsteht eine formelle Partei immer dann, wenn sich Gruppen von Individuen zusammenschließen, um ein Ereignis bewusst zu erweitern, zu intensivieren und weiter zu universalisieren. Formelle Parteien überdauern oft auch den Aufschwung der historischen Partei und versuchen in der Intervallperiode zwischen sozialen Umbrüchen, die durch das Ereignis enthüllte kollektive Wahrheit auszuarbeiten, sich auf zukünftige Aufstände vorzubereiten oder (sofern sie dazu in der Lage sind) wieder in die vorherrschenden Verhältnisse einzugreifen, um das Entstehen zukünftiger Ereignisse wahrscheinlicher zu machen und sicherzustellen, dass sie eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, frühere Grenzen zu überwinden. In diesem Sinne drücken formelle Parteien eine schwache oder partielle Form der Subjektivität aus, oder genauer gesagt, den anfänglichen, stockenden Prozess, durch den ein revolutionäres Subjekt entsteht.

    Die überwiegende Mehrheit der formellen Parteien sind kleine und praxisorientierte Gruppierungen, die einen „taktischen” oder praktischen Charakter haben und in der Regel aus provisorischen funktionalen Kollektiven hervorgehen, die sich inmitten eines Kampfes gebildet haben: ein Organisationskomitee in einer Streikwelle, die Gemeinschaftsküche bei einer Besetzung, Gruppen von Frontkämpfern, die sich in gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei engagieren, Studien- und Forschungskollektive, die gebildet werden, um den Kampf besser zu verstehen, oder verschiedene Nachbarschaftsräte, die unweigerlich inmitten einer Revolte entstehen. Formelle Parteien können aber auch größer, explizit politischer und sogar „strategisch“ ausgerichtet sein, solange sie diesen partisanen Aspekt beibehalten. Taktische Gruppen, die sich nicht auflösen, tendieren in diese Richtung. Infolgedessen können sie sich sogar zu nominellen „kommunistischen Parteien” entwickeln, die sich jeweils als kommunistische Partei eines bestimmten Ortes bezeichnen und oft im Gegensatz zu anderen, sich überlappenden „kommunistischen Parteien” stehen. Keine von ihnen ist jedoch die kommunistische Partei als solche.

    Auch wenn es wie ein Rätsel klingt, existieren formelle Parteien, unabhängig davon, ob sie sich selbst als solche bekennen oder nicht. Das heißt, formelle Parteien beschreiben auch „informelle“ Gruppierungen, die sich selbst möglicherweise nicht als kohärente „Organisationen“ betrachten. Beispiele hierfür sind Gruppen von Freunden, die sich jeden Abend inmitten der Unruhen treffen, Subkulturen, die sich an den Aufständen beteiligen und anschließend durch deren Folgen gespalten werden, und natürlich die verschiedenen „Affinitätsgruppen“ und „informellen Organisationen“, die ironischerweise oft über strengere Disziplin und ausgefeiltere Kommandostrukturen verfügen. Ungeachtet ihrer vermeintlichen „Informalität“ funktionieren diese Gruppen in Wirklichkeit nach den Formalitäten von Gewohnheit, Charisma und einfacher funktionaler Trägheit.

    Der Unterschied zwischen „informellen“ und „formellen“ Gruppen besteht nicht darin, ob es sich um formelle Parteien handelt (beide sind es), sondern darin, inwieweit diese Formalität ein explizites und selbsterklärtes Merkmal der Organisation ist. Ebenso hat ihr partisaner Aspekt – das Bekenntnis zur Erarbeitung der kollektiven Wahrheit des Ereignisses im Allgemeinen und zur Überwindung der Grenzen eines bestimmten Ereignisses – nichts mit ihren programmatischen Aussagen zu tun. Formelle Parteien werden stattdessen auf die Probe gestellt und verlieren oder behalten ihren Status als parteipolitische Organisationen, wenn sie mit neuen politischen Ereignissen konfrontiert werden. Solche Ereignisse zeigen, ob diese Partei dem kommunistischen Projekt treu geblieben ist, indem sie Bedingungen schafft, unter denen ihre Haltung und ihr Verhalten angesichts der „Anarchie“, die durch einen bestimmten Aufstand ausgelöst wird, auf die Probe gestellt werden können. Engagiert sie sich überhaupt für die neue Revolte? Wenn ja, neigt ihre Form des Engagements dazu, diese Revolte auf konservativere Wege zu lenken? Oder erfüllt sie eine praktische Funktion, indem sie dazu beiträgt, diese Revolte über ihre Grenzen hinaus voranzutreiben?

    Wenn dies nicht gegeben ist, verliert die ehemalige formelle Partei an Bedeutung: Sie ist dann keine Partei mehr, sondern lediglich eine Organisation oder, schlimmer noch, ein operatives Organ der Partei der Ordnung oder eine Anti-Partei. Dies ist einer der Gründe, warum die formelle Partei immer nur von kurzer Dauer ist. Als funktionale und oft zufällige Gruppierungen lösen sich formelle Parteien oft selbst auf, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, oder sie verändern ihre Form und entwickeln sich von eng verbundenen taktischen Gruppierungen inmitten eines Aufstands zu einer eher amorphen sozialen Szene in dessen Folge. Größere Organisationen behalten hingegen oft nur den Anschein einer formellen Partei bei, um dann an der Bewährungsprobe des Ereignisses selbst völlig zu scheitern. An diesem Punkt ziehen sie sich in die Bedeutungslosigkeit zurück, werden von den Strömungen der Geschichte hinweggespült oder verhärten sich zu nichts anderem als einer sektenähnlichen Gruppe, die keine praktische Funktion erfüllt. Nach derselben Logik können bereits bestehende Organisationen plötzlich partisanische Funktionen übernehmen und dadurch zu formellen Parteien werden, unabhängig davon, ob sie vor dem Aufstand explizit politisch waren (Abolitionisten, Gewerkschaften, Hilfsvereine) oder nur am Rande politisch (Fußball-Ultras, Kirchen, Katastrophenhilfeorganisationen). 

    Das „Abwerfen“ verknöcherter formeller Parteien ist jedoch an sich produktiv, da zukünftige formelle Parteien dann durch ihre Opposition gegen diese verknöcherten Organe entstehen und dabei fortgeschrittenere Formen der Subjektivität zum Ausdruck bringen. Aus diesem Grund bilden frisch aufgelöste und verknöcherte formelle Parteien so etwas wie die Bodenstruktur, aus der komplexere Formen des politischen Lebens hervorgehen können. Um diese Komplexität zu verstehen, muss man genauer zwischen verschiedenen Organisationsformen als solchen unterscheiden (insbesondere zwischen den apolitischen und vorpolitischen Organisationen, die am ehesten partisane Züge annehmen oder für Partisanen am nützlichsten sind) und zwischen verschiedenen Arten formeller Parteien: die rein taktische und zufällige, die „informelle” militante Gruppe, die „formelle” militante Gruppe, die radikale Gewerkschaft, die Selbstverteidigungsmiliz, die vorgebliche „Volksarmee”, die nominelle „kommunistische Partei” usw. 

    Die atomare Form der partisanen Organisation bezeichne ich als „kommunistisches Konklave“. Kommunisten entstehen inmitten politischer Ereignisse und treten oft allein oder bestenfalls in sehr kleinen Gruppen in Erscheinung. Ebenso finden Kommunisten oft inmitten von Kämpfen zueinander und beginnen, sich auf informelle Weise zu koordinieren. Diese kleinen Gruppen von Kommunisten können aufgrund ihres privaten und etwas ritualisierten Charakters und natürlich aufgrund der Tatsache, dass sie in Treue zu einem transzendenten Projekt organisiert sind, als „Konklaven“ bezeichnet werden. Überall, wo sich zwei oder drei als Kommunisten versammeln, existiert ein Konklave, unabhängig davon, ob es sich selbst als solches versteht. Konklaven funktionieren in erster Linie über Affinität. Einige entwickeln diese Affinität dann zu einer formelleren Arbeitsteilung oder zu größeren, informellen Subkulturen weiter. Oft dienen Konklaven als Keimzelle für komplexere formelle Parteien.

    Selbst wenn formelle Partisanenprojekte entstehen, bestehen jedoch weiterhin Konklaven innerhalb und zwischen ihnen. Diese informellen Verbindungen sind selbst wichtige formelle Parteien. Sie dienen dazu, die Kluft zwischen partisanen und nicht-partisanen Organisationen zu überbrücken, formelle Partisanenprojekte enger zu integrieren und Widerstandsfähigkeit und Redundanz zu bieten, wenn formelle Organisationen unter Druck geraten und zerfallen. Mit anderen Worten: Innerhalb komplexerer formeller Parteien wird es immer kleinere formelle Parteien geben. Informalität und Formalität, Spontaneität und Vermittlung, Undurchsichtigkeit und Transparenz stehen nicht im Widerspruch zueinander. Keine von beiden kann gegenüber der anderen bevorzugt oder vollständig beseitigt werden. Geheimniskrämerische Konklaven werden (müssen und sollten) innerhalb formeller kommunistischer Organisationen mit transparenter Mitgliedschaft existieren, und noch geheimniskrämerischere Konklaven werden innerhalb der Konklave existieren.

    Theorie, taktische Erfindungen und Kameradschaft werden in diesen dunklen, intimen Räumen geschmiedet, bevor sie an offeneren Orten durch transparente Diskussionen, Debatten und Experimente weiterentwickelt werden. Auch wenn ein Konklave von außen sichtbar sein mag, bleibt es doch eine relativ undurchsichtige Institution. Einerseits stellt dies immer eine Gefahr für die größere Organisation dar, da es Hinterzimmerintrigen und heimliche Machtübernahmen ermöglicht. Andererseits ist es gerade diese Privatsphäre, die es dem Konklave ermöglicht, experimentell und kreativ zu sein. Komplexere formelle Parteien müssen so gestaltet sein, dass sie gleichzeitig gegen die Persistenz relativ undurchsichtiger formeller Parteien in ihrem Inneren schützen und diese berücksichtigen und im Idealfall diese Organe als Quelle der Vitalität nutzen. Obwohl diese Konklaven potenziell in offene Fraktionen oder Gruppierungen innerhalb größerer Organisationen integriert werden können, sind sie nicht gleichbedeutend mit diesen und werden oft eher durch Zufallsfaktoren (wie gemeinsame Erfahrungen in einem Kampf) als durch theoretische Übereinstimmung zusammengehalten. Sie gehen daher dieser öffentlicheren Fraktionsarbeit voraus, und eine einzelne Fraktion umfasst wahrscheinlich mehrere Konklaven.

    Die kommunistische Partei (ewig)

    Die kommunistische Partei entsteht durch das Zusammenspiel der historischen Partei und der vielen formellen Parteien, die sie hervorbringt, wobei sie beide umfasst und übersteigt. Schließlich führt eine Kombination struktureller Faktoren zu erhöhten Turbulenzen innerhalb der historischen Partei. Unterdessen ist die schwache oder teilweise subjektive Kraft verschiedener formeller Parteien, die durch Willen oder Umstände miteinander verbunden sind, schließlich in der Lage, wieder in die umgebenden Bedingungen einzugreifen, um die historische Partei, die sie hervorgebracht hat, weiter zu beleben. Das Ergebnis ist eine neu entstehende Organisationsform, die in einem völlig anderen Maßstab operiert als die zufälligen Aufschwünge der historischen Partei oder die provisorischen, taktischen und weitgehend lokalisierten (wenn auch groß angelegten) Aktivitäten der formellen Parteien. Die kommunistische Partei ist einzigartig, aber vielfältig.

    Als expansives Umfeld zunehmend organisierter Parteinahme ist die kommunistische Partei niemals der Name für eine bestimmte, offizielle „Kommunistische Partei“, die irgendwo auf der Welt tätig ist. Obwohl diese vielen „großgeschriebenen“ kommunistischen Parteien oft wichtige Elemente der „kleingeschriebenen“ kommunistischen Partei sind, kann sie nicht auf sie reduziert werden. Darüber hinaus ist es immer ein großer strategischer Fehler, zu versuchen, die Kommunistische Partei als solche den Interessen einer einzelnen Kommunistischen Partei unterzuordnen (selbst wenn diese Kommunistische Partei mittlerweile für einen lokalen revolutionären Aufschwung steht). Die Kommunistische Partei lässt sich vielleicht am besten als eine Art „Meta-Organisation“ verstehen, die sowohl die Weiterentwicklung formeller Parteien ermöglicht als auch die Vitalität der darunter liegenden historischen Partei weiter stimuliert. Man kann daher von der kommunistischen Partei als einer Art partisanen „Ökosystem“ sprechen, insofern als das Zusammenspiel der historischen Partei und der vielen in ihr verwurzelten formellen Parteien buchstäblich ein parteiisches Territorium schafft, das dann als Medium für die nachfolgende Organisation seine eigenen auftauchenden Zwänge und Anreize mit sich bringt. 

    Dieses Bild der Partei als „Ökosystem“ ist jedoch in Wirklichkeit ideologisch geprägt. Schließlich wird die Metapher des Ökosystems in der liberalen politischen Philosophie wegen ihrer angeblich „horizontalen“ Logik bevorzugt, die die (ebenfalls angeblich „horizontalen“) Abläufe des Marktes zu replizieren scheint. Und in diesem Fall erfasst sie einfach nicht das gesamte Bild: Die kommunistische Partei ist kein Ökosystem des Kampfes, das sich blindlings in der Geschichte ausbreitet. Sie ist vielmehr der Punkt, an dem die schwache Subjektivität, die in der formalen Partei sichtbar ist, in eine starke Subjektivität übergeht, die der Aufgabe der Revolution angemessen ist. Diese revolutionäre Subjektivität erstreckt sich notwendigerweise über einzelne Organisationen und ist selbst organisiert, intentional, relativ sich selbst bewusst (obwohl dies von der Position des Einzelnen innerhalb der Partei abhängt) und in ihrer Geografie und Demografie ungleich verteilt. 

    Die kommunistische Partei wurde traditionell auch in der allzu lockeren Sprache einer „internationalen kommunistischen Bewegung“ und in der allzu engen Sprache jeder gegebenen „Internationale“ beschrieben, der dann ein gewisser ordinaler Status in der historischen Abfolge zugewiesen wird. Letztendlich lässt sie sich am besten irgendwo zwischen der Amorphie eines Ökosystems oder einer Bewegung und der starren kapitelartigen Struktur der verschiedenen Iterationen der formalen, föderativen Internationalen verorten. Aber sie ist auch expansiver als beides, insofern ihre realen organisatorischen Kapazitäten außerhalb der breiten „kommunistischen Bewegung“ oder der engen Föderationen der „kommunistischen Parteien“ liegen. Sie werden stattdessen an ihrer Beziehung zu den spezifischen räteartigen oder beratenden Vereinigungen gemessen, die aus der Klasse inmitten eines Aufstands hervorgehen und die dann, ob dazu aufgefordert oder nicht, beginnen, kommunistische Maßnahmen zu ergreifen, wodurch sie die Kommunen bilden, die (wenn sie überleben) zum Kernland und Motor der revolutionären Abfolge werden. Kommunen können jedoch nur entstehen, wenn der Kreislauf zwischen formalen Parteien und der historischen Partei gut etabliert ist und ein subjektives Umfeld schafft, in dem beratende, enteignende und transformative Formen der freien Vereinigung zu einem organischen Auswuchs der Klassenaktivität werden.

    Wie das Ereignis kann auch die kommunistische Partei entstehen, in Vergessenheit geraten und später wieder auftauchen – aber es handelt sich immer um dieselbe kommunistische Partei, die durch einen roten Faden mit ihren früheren Inkarnationen verbunden ist. Ihr umfangreiches (geografisches, demografisches) und intensives (organisatorisches, theoretisches, spirituelles) Wachstum ist selbst die Welle der Revolution, die den Prozess des kommunistischen Aufbaus in Gang setzt. Ähnlich wie die formelle Partei kann auch die kommunistische Partei zu verknöchern scheinen, verfallen und ihre Treue zum kommunistischen Projekt aufgeben, wie damals, als die sozialdemokratischen Parteien der Zweiten Internationale sich zu reformistischer Staatskunst und Kriegführung entwickelten. In einer solchen Situation verknöchert die kommunistische Partei jedoch nicht wirklich, sondern wird stattdessen verdrängt. Eine solche Verdrängung kann durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht werden, wird jedoch immer durch das Versagen der formellen Parteien signalisiert, die einst die kommunistische Partei bildeten, ihre Treue zum kommunistischen Projekt aufrechtzuerhalten. Aus diesem Grund wird das explosive Wiederaufleben der kommunistischen Partei oft gegen diese erstarrten Überreste ausgearbeitet, wie beispielsweise als die Dritte Internationale aus einer Reihe von Meutereien, Aufständen und Revolutionen hervorging, die ursprünglich versuchten, den Parteiaufbau der Zweiten Internationale nachzuahmen, und schließlich gezwungen waren, sich in Opposition zu eben diesem Erbe zu entwickeln.

    Die kommunistische Partei befindet sich seit langem in einer Phase des Niedergangs, und obwohl es Anzeichen für ein Wiederaufleben gibt, kann man noch nicht sagen, dass sie in nennenswerter Form existiert. Noch einmal: Die Partei als solche ist nicht nur die Summe der „linken” Aktivitäten zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern eine Form der Supra-Subjektivität, die nur in der explosiven Konfrontation mit der vorherrschenden sozialen Welt besteht und als Passage dient, durch die der Kommunismus als praktische Realität ausgearbeitet werden kann. Die kommunistische Partei ist also nicht die sinnlose Ansammlung vieler kleiner Interessen in einem komplexen System, sondern sie repräsentiert die materialisierte Entfaltung der menschlichen Vernunft, die notwendig ist, damit die Spezies ihre eigene soziale Struktur sich ihrer selbst bewusst verwalten kann, die gleichzeitig ihr sozialer Stoffwechsel mit der nicht-menschlichen Welt ist.11 Deshalb können wir von der kommunistischen Partei als dem sozialen Gehirn des Partisanen-Projekts und sogar als der Entstehungsstätte der kommunistischen Gesellschaft selbst sprechen. 

    Die kommunistische Partei ist daher ewig, in dem Sinne, dass sie die Larvenform eines unsterblichen Körpers ist: die Blüte von Vernunft und Leidenschaft in einer sich selbst bewussten Spezies, die ihre eigene Aktivität als geosphärisches System bewusst koordiniert.12 Mit anderen Worten, die kommunistische Partei ist die einzige Waffe, die fähig ist, die Klassengesellschaft wirklich zu zerstören – den ewigen Kampf zwischen einfachem Egalitarismus und sozialer Vorherrschaft aufzuheben, indem sie beide einem höheren Prinzip des Wohlstands unterordnet – und ist durch eben diese Zerstörung auch das Vehikel, durch das die von der historischen Partei enthüllte und von der Vielzahl der formalen Parteien ausgearbeitete Wahrheit in einer völlig neue Ära der materiellen Existenz erblüht, die einen rationalen sozialen Stoffwechsel auf planetarer Ebene untermauert.


    1. Eine ähnliche Kritik dieses Ansatzes, angewendet auf ein konkretes Beispiel, findet sich bei: Jasper Bernes, „What Was to Be Done? Protest and Revolution in the 2010s“, The Brooklyn Rail, Juni 2024. Online hier. ↩︎
    2. Vielleicht noch aussagekräftiger ist die Frage, warum diese Personen und die ihnen nahestehenden Organisationen, obwohl sie nach der Revolte durch Wahlen scheinbar „an die Macht gekommen“ sind (wie im Fall von Syriza, Podemos oder der Regierung Boric in Chile), es dann völlig versäumt haben, bedeutende soziale Veränderungen herbeizuführen. Tatsächlich hat die Umleitung der Volksaufstände in Wahlkampagnen fast überall als unterdrückende Kraft gewirkt und dazu beigetragen, die wenigen Formen proletarischer Macht, die sich außerhalb des institutionellen Bereichs herausgebildet hatten, zu zersetzen. Dies geschieht unabhängig von politischen Vorlieben oder den Absichten einzelner Führer. ↩︎
    3. Für einen Überblick über diese Idee siehe: David Kilcullen, Out of the Mountains: The Coming Age of the Urban Guerrilla, Oxford: Oxford University Press, 2015, S. 124–127. ↩︎
    4. Das Konzept des „Siegels” ist eine Weiterentwicklung des „Memes with Force”, das von Paul Torino und Adrian Wohlleben in ihrem Artikel „Memes with Force: Lessons from the Yellow Vests” (Mute Magazine, 26. Februar 2019; online hier) entwickelt und in Adrian Wohlleben, „Memes without End”, Ill Will, 17. Mai 2021 fortgeführt wurde (online hier).Das Konzept des „Siegels” ist eine Weiterentwicklung des „Memes with Force”, das von Paul Torino und Adrian Wohlleben in ihrem Artikel „Memes with Force: Lessons from the Yellow Vests” (Mute Magazine, 26. Februar 2019; online hier) entwickelt und in Adrian Wohlleben, „Memes without End”, Ill Will, 17. Mai 2021 fortgeführt wurde (online hier). ↩︎
    5. Die Verwendung eines Beispiels aus dem rechten Spektrum ist hier kein Zufall, da rechte Organisationen sich in den letzten Jahrzehnten als besonders geschickt darin erwiesen haben, diese Logik anzuwenden. Ein Grund für den Aufstieg der Rechten ist gerade, dass diese Art der Führung von den „Linken“ oft rundweg abgelehnt wird, die sie als eine inhärent autoritäre Auferlegung auf die spontane Dynamik der Klasse betrachten und nicht als eine selbstreflexive Dynamik, die durch eben diese Dynamik entsteht. Dadurch geht der flüchtige Moment verloren, und die Siegel verbrennen von selbst. Ich untersuche die Auswirkungen dieses Problems auf die Politik in den USA in ‘Hinterland: America’s New Landscape of Class and Conflict’ (Reaktion, 2018) und beleuchte dasselbe Dilemma in Hongkong in den Kapiteln 6 und 7 von ‘Hellworld: The Human Species and the Planetary Factory’ (Brill, 2025). ↩︎
    6. Das Partisanen-Projekt bezieht sich auf fortlaufende Versuche, eine Form kollektiver revolutionärer Subjektivität zu organisieren, die auf kommunistische Ziele ausgerichtet ist. Mit anderen Worten, es bezieht sich sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft des Kampfes, die Menschheit von den historischen Fesseln der Klassengesellschaft zu befreien und eine kommunistische Zukunft einzuleiten. Es ist daher in etwa gleichbedeutend mit „kommunistischer Organisation” oder „kommunistischer Bewegung”. ↩︎
    7. Selbst innerhalb massiver politischer Aufstände, die über die Grenzen des in Form konkreter Interessen zum Ausdruck gebrachten Unterhalts hinausgehen, besteht dennoch eine Spannung zwischen diesem Übermaß und seinen Ausdrucksgründen. Durch die Ausnutzung dieser Spannung zugunsten des Ausdrucks werden diese politischen Brüche unterdrückt und wieder in den Status quo integriert. ↩︎
    8. Marx spricht von der „Partei der Anarchie“ und der „Partei der Ordnung“ in einer Reihe von Artikeln, die er 1850 für die Neue Rheinische Zeitung schrieb und die später von Engels 1895 in dem Buch ‘Klassenkämpfe in Frankreich: 1848-1850’ zusammengefasst wurden. In dieser Buchversion erscheinen die Begriffe in Kapitel 3. Dieselben Begriffe tauchen auch in späteren Werken wieder auf, beispielsweise 1852 in ‘Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte.’ Der Begriff „Anti-Partei” ist meine eigene Ergänzung, die ich in ‘Hinterland’ (Auszüge hier verfügbar) eingeführt habe. ↩︎
    9. Dieser theoretische Rahmen stammt aus dem Werk des politischen Philosophen Michael Neocosmos. Siehe sein Werk „Thinking Freedom in Africa: Toward a Theory of Emancipatory Politics“, Wits University Press, 2016. ↩︎
    10. Die gleichzeitig universelle und aleatorische Natur des Ereignisses bedeutet jedoch auch, dass diese Neuordnung der Koordinaten nach wie vor schwer zu beschreiben ist. So ist beispielsweise für praktisch jeden Beobachter klar, dass sich nach den Unruhen im Zusammenhang mit George Floyd „alles verändert hat“, und doch fällt es uns allen schwer, genau zu erklären, wie sich die Dinge verändert haben, oder einen einzelnen Fall zu nennen. ↩︎
    11. Für eine weitere Ausarbeitung dieser Idee siehe: Phil A. Neel und Nick Chavez, „Forest and Factory: The Science and Fiction of Communism“, Endnotes, 2023. Online hier. ↩︎
    12. Genauer gesagt: die Selbstverwirklichung der „Spezies“ als Subjekt, jenseits ihres Status als offensichtliche biologische Tatsache, die in Wirklichkeit die materielle Einheit der menschlichen Produktionstätigkeit in der kapitalistischen Gesellschaft zum Ausdruck bringt. Dies ist die praktische Verwirklichung dessen, was der sowjetische Geologe Wladimir Wernadskij (der den Begriff „Biosphäre“ populär machte) einst spekulativ als „Noosphäre“ bezeichnet hat. Die Idee wird ausführlicher in Neel, Hellworld, Kapitel 2, behandelt. ↩︎
  • Der Beginn einer Epoche

    Der Beginn einer Epoche

    “Wir sollten lange genug leben, um eine politische Revolution zu sehen? Wir, die Zeitgenossen dieser Deutschen? Mein lieber Freund, Sie glauben wohl, was Sie wünschen!” – so schrieb Arnold Ruge im März 1844 an Marx. Vier Jahre später aber war die Revolution da. Als belustigendes Beispiel einer historischen Ahnungslosigkeit, die zeitlos dieselben Wirkungen erzeugt, da sie immer reichlicher mit ähnlichen Ursachen versorgt wird, wurde Ruges unglücklicher Satz als Motto für die im Dezember 1967 veröffentlichte ‘Die Gesellschaft des Spektakels’ zitiert und sechs Monate später ereignete sich die Bewegung der Besetzungen, die größte revolutionäre Bewegung, die Frankreich seit der Pariser Kommune gekannt hat.

    Der größte Generalstreik, der jemals die Wirtschaft eines hochindustrialisierten Landes zum Stillstand gebracht hat und der erste wilde Generalstreik der Geschichte; die revolutionären Besetzungen und Entwürfe direkter Demokratie; die immer stärkere Auflösung der Staatsmacht fast zwei Wochen lang; die Bestätigung der gesamten revolutionären Theorie unserer Zeit und sogar hier und da der Beginn ihrer teilweisen Verwirklichung; das wichtigste Experiment der modernen proletarischen Bewegung, die zur Zeit in allen Ländern ihre vollendete Form herausbildet, und das Modell, das sie künftig überwinden muss – das war im wesentlichen die französische Bewegung des Mai 1968, das war bereits ihr Sieg.

    Weiter unten wollen wir über die Schwächen und Unvollkommenheiten der Bewegung sprechen, die natürlichen Folgen des Unwissens und der Improvisation sowie der toten Last der Vergangenheit selbst dort, wo diese Bewegung sich am besten behaupten konnte. Folgen vor allem der Trennungen, deren Verteidigung allen verbündeten Kräften der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung gerade noch gelungen ist, wobei die bürokratischen, politisch-gewerkschaftlichen Führungskräfte sich in dem Augenblick, in dem es für das System um Leben oder Tod ging, mehr und besser als die Polizei darum bemüht haben. Zuerst aber wollen wir die offensichtlichen Charakterzüge der Bewegung aufzählen, dort, wo ihr Mittelpunkt war, und wo sie ihren Inhalt am freisten durch Wort und Tat zum Ausdruck bringen konnte. Dort proklamierte sie ihre Ziele sehr viel ausdrücklicher als jede andere spontane revolutionäre Bewegung der Geschichte; und sehr viel radikalere und aktuellere Ziele als sie die revolutionären Organisationen der Vergangenheit selbst in ihren Glanzzeiten je formulieren konnten.

    Die Bewegung der Besetzungen war die plötzliche Rückkehr des Proletariats als geschichtliche Klasse – eines Proletariats, das sich auf eine Mehrheit von Lohnempfängern der modernen Gesellschaft ausdehnte und immer noch die wirkliche Abschaffung der Klassen und des Lohnwesens als Ziel hatte. Diese Bewegung war die Wiederentdeckung der gleichzeitig kollektiven und individuellen Geschichte, des Sinnes einer möglichen Intervention in die Geschichte und des unwiderruflichen Ereignisses mit dem Gefühl, dass “nichts jemals wieder so sein kann wie zuvor”: so blickten die Leute belustigt auf die befremdende Existenz zurück, die sie acht Tage zuvor geführt hatten – auf ihr überwundenes Überleben. Diese Bewegung war die generalisierte Kritik aller Entfremdungen, aller Ideologien und der gesamten früheren Organisation des wirklichen Lebens, sie war die Leidenschaft der Verallgemeinerung und der Vereinheitlichung. Da jeder in einem solchen Prozess sehen konnte, dass er überall zuhause war, wurde das Eigentum negiert. Das anerkannte Verlangen nach dem Dialog und dem völlig freien Wort, die Lust zur echten Gemeinschaft hatten in den für die Bewegung offenstehenden Gebäuden und im gemeinsamen Kampf ihr Betätigungsfeld gefunden: das Telefon als eins der sehr wenigen technischen Mittel, das noch funktionierte, und die zahllosen Emissäre und Reisenden, die in Park und im ganzen Land zwischen den besetzten Gebäuden, den Fabriken und den Versammlungen hin- und herschweiften, waren die Träger dieses wirklichen Gebrauchs der Kommunikation. Die Bewegung der Besetzungen war offensichtlich die Ablehnung der entfremdeten Arbeit – und folglich die Fete, das Spiel, wirkliche Gegenwart der Menschen und der Zeit. Sie war zugleich auch Ablehnung jeder Autorität, jeder Spezialisierung, jeder hierarchischen Enteignung; sie war Ablehnung des Staates und folglich der Parteien und Gewerkschaften ebenso wie der Soziologen und Professoren, der repressiven Moral und der Medizin. Alle diejenigen, die die Bewegung durch ihre blitzartige Verkettung wachgerufen hatten – “Schnell!” lediglich rief eine der Parolen auf den Mauern, die vielleicht die schönste war – blickten voll radikaler Verachtung auf ihre früheren Existenzbedingungen und folglich auf diejenigen zurück, die daran gearbeitet hatten, sie in ihnen zu erhalten – von den Fernsehstars bis zu den Urbanisten. Genau wie die stalinistischen Illusionen vieler unter dem Zuckerguss ihrer unterschiedlichen Formen von Castro bis Sartre nackt zum Vorschein kamen, zerbrachen alle miteinander rivalisierenden und doch solidarischen Lügen einer Epoche. Die internationale Solidarität kam spontan wieder an den Tag, zahllose ausländische Arbeiter stürzten sich in den Kampf, und viele Revolutionäre Europas eilten nach Frankreich. Die bedeutende Beteiligung der Frauen an allen Formen des Kampfes ist ein wesentliches Zeichen seiner revolutionären Tiefe. Die Sitten wurden um vieles freier. Die Bewegung war gleichfalls die noch teilweise illusorische Kritik der Ware (unter ihrer albernen sozialen Verkleidung als ‘Konsumgesellschaft’); sie war auch bereits eine Ablehnung der Kunst, die sich jedoch noch nicht als deren geschichtliche Negation erkannte (unter der armseligen abstrakten Formel der ‘Phantasie an die Macht’, die nichts von den Mitteln wusste, diese Macht praktisch auszuüben und alles neu zu erfinden, und der es aus Mangel an Macht auch an Phantasie fehlte). Der Hass, mit dem überall gegen die Rekuperatoren zu Felde gezogen wurde, erreichte noch nicht das theoretisch-praktische Wissen von den Wegen ihrer Beseitigung – Neo-Künstler und Neo-Führer der Politik, Neo-Zuschauer gerade der Bewegung, die sie verleugnete. Wenn die handelnde Kritik des Spektakels des Nicht-Lebens noch nicht deren revolutionäre Aufhebung bedeutet, so deshalb, weil die “spontan zum Rätesystem neigende” Tendenz des Mai-Aufstands fast allen konkreten Mitteln – und unter ihnen ihrem theoretischen und organisatorischen Bewusstsein – weit voraus war, die es ihr ermöglichen sollen, sich dadurch als Macht zu verwirklichen, dass sie die einzige Macht ist.

    Ganz nebenbei spucken wir auf die platten Kommentare und die falschen Zeugnisse der Soziologen, der Pensionäre des Marxismus und aller Doktrinäre der alten konservierten Ultralinken bzw. des kriechenden Ultra-Modernismus der spektakulären Gesellschaft; keiner von denen, die diese Bewegung gelebt haben, kann behaupten, dass sie nicht all das enthielt.

    Im März 1966 schrieben wir in der Nummer 10 der ‘S.I.’: “Mit Sicherheit behaupten wir das in vielen unserer Äußerungen anscheinend Gewagte, da wir überzeugt sind, dass die historische, unwiderlegbar schwerwiegende Bestätigung folgt.” Besser konnten wir es nicht sagen.

    Natürlich hatten wir nichts prophezeit. Wir hatten nur das gesagt, was da war: die materiellen Bedingungen für eine neue Gesellschaft waren schon seit langem geschaffen worden, die alte Klassengesellschaft hatte sich überall aufrechterhalten, indem sie ihre Unterdrückung beträchtlich modernisierte und ihre Widersprüche immer reichlicher weiterentwickelte, und die besiegte proletarische Bewegung kam für einen zweiten, bewußteren und totaleren Angriff zurück. Sicherlich dachten viele das alles, das offensichtlich durch Geschichte und Gegenwart aufgezeigt wurde, und einige sagten es sogar, aber abstrakter, und folglich redeten sie ins Blaue hinein – ohne Echo und Interventionsmöglichkeit. Der Verdienst der Situationisten bestand einfach darin, die neuen Anwendungspunkte in der modernen Gesellschaft zu erkennen und zu benennen: Urbanismus, Spektakel, Ideologie usw. (welche alle früheren keineswegs ausschließen, sondern im Gegenteil wiederbringen. Da diese Aufgabe radikal erfüllt wurde, war sie imstande, manchmal einige Fälle der praktischen Revolte hervorzubringen und auf jeden Fall sie beträchtlich zu verstärken. Diese blieb dann nicht ohne Echo: die Kritik ohne Zugeständnisse hatte nur sehr wenige Träger in den gauchistischen Strömungen der vorhergehenden Epoche gefunden. Wenn viele Leute das gemacht, was wir geschrieben haben, so deshalb, weil wir hauptsächlich über das Negative geschrieben hatten, das von so vielen anderen vor uns und auch von uns selbst erlebt worden war. Was in diesem Frühling 1968 an den hellen Tag des Bewusstseins kam, war nichts anderes als das, was in dieser Nacht der ’spektakulären Gesellschaft’ schlief, deren Schau- und Lichtspiele nur die ewig positive Szenerie zeigten. Wir unsererseits hatten gemäß dem Programm, das wir 1962 (vgl. ‘S.I.’ Nr.7, S.260) aufgestellt hattet uns mit dem Negativen zusammengetan. Unseren ‘Verdienst’ geben wir hier nicht genauer bekannt, um Beifall zu ernten, sondern um andere, die gleich handeln werden, so weit wie möglich aufzuklären.

    Alle diejenigen, die diese ‘Kritik mitten im Kampfgewühl’ nicht sehen wollten, betrachteten in der unerschütterlichen Macht der modernen Herrschaft nur ihren eigenen Verzicht: Ihr anti-utopischer ‘Realismus’ war nicht mehr das Wirkliche, als ein Polizeirevier oder die Sorbonne wirklichere Gebäude sind als die, die Brandstifter oder ‘Katangeser’ aus ihnen machen. Als die unterirdischen Gespenster der totalen Revolution aufstanden und ihre Macht über das ganze Land erstreckten, schienen alle Mächte der alten Welt spukhafte Illusionen zu sein, die am hellen Tag vergingen. Nach 30 Jahren des Elends, die in der Geschichte der Revolutionen nicht mehr als ein Monat gelten, ist ganz einfach dieser Monat Mai gekommen, der 30 Jahre zusammenfasst.

    Aus unseren Begierden die Wirklichkeit zu machen, ist eine präzise historische Arbeit, die derjenigen der geistigen Prostitution genau entgegengesetzt ist, die ihre Illusion der Beständigkeit irgendeiner vorhandenen Wirklichkeit aufpfropft. So z.B. Lefebvre, der schon in der vorigen Nummer dieser Zeitschrift (Oktober 1967) zitiert wurde, da er sich in seinem Buch ‘Positionen gegen die Technokraten’(Verlag Gonthier) zu einem kategorischen Schluss wagte, dessen wissenschaftlicher Anspruch auch nach kaum sechs Monaten seinen Wert hat erkennen lassen: “Die Situationisten … schlagen keine konkrete, sondern eine abstrakte Utopie vor. Glauben sie wirklich, dass an einem schönen, entscheidenden Morgen oder Abend die Leute auf einmal einander ansehen und sagen: ‘Genug! Genug Mühe und Langeweile! Schluss damit!’ und in die ewige Fete und Schöpfung von Situationen eintreten? Ist das auch einmal am frühen Morgen des 18.März 1871 passiert, so kommt diese Gelegenheit nie wieder.” So wurde Lefebvre dort ein gewisser geistiger Erfolg zugeschrieben, wo er verstohlen einige radikale S.I.-Thesen abschrieb (vgl. in dieser Nummer den Neudruck unseres 1963 veröffentlichten Flugblattes ‘In die Mülleimer der Geschichte’), aber der dachte die Wahrheit dieser Kritik der Vergangenheit zu, obwohl sie viel mehr aus der Gegenwart als aus Lefebvres historischem Nachdenken hervorgegangen war. Er warnte vor der Illusion, ein gegenwärtiger Kampf könne wieder solche Ergebnisse erreichen. Glauben Sie aber nicht, dass Henri Lefebvre der einzige ehemalige Denker ist, der durch das Ereignis endgültig lächerlich gemacht wurde: diejenigen, die sich vor so komischen Äußerungen wie seinen hüteten, dachten das gleiche. Durch den Schlag vom Mai erschüttert, haben alle Suchenden nach dem historischen Nichts zugegeben, dass niemand das irgendwie vorausgesehen hatte, was passiert war. Ein besonderer Platz muss jedoch allen Sekten ‘auferstandener Bolschewisten’ eingeräumt werden, von denen man sagen muss, dass sie es während der letzten 30 Jahre keinen Augenblick versäumt haben, die nah bevorstehende Revolution von 1917 anzukündigen. Sie haben sich aber auch schön geirrt: es wurde wirklich nicht 1917 und sie waren nicht einmal ganz Lenin. Was die Überbleibsel des alten nicht-trotzkistischen Ultra-Gauchismus betrifft, so brauchten sie mindestens eine sehr wichtige Wirtschaftskrise. Sie machten jedes revolutionäre Moment von ihrer Rückkehr abhängig und sie sahen nichts kommen. Jetzt, wo sie im Mai eine revolutionäre Krise erkannt haben, müssen sie beweisen, dass es also diese unsichtbare Wirtschaftskrise im Frühling 1968 gab. Darum bemühen sie sich ohne Angst vor der Lächerlichkeit, indem sie Tabellen über die wachsenden Preise und Arbeitslosigkeit vorweisen. So ist für sie die Wirtschaftskrise nicht mehr diese furchtbar auffallende objektive Wirklichkeit, die bis 1929 so stark erlebt und beschrieben wurde, sondern eine Art eucharistische Anwesenheit, auf die sich ihre Religion stützt.

    Genau wie man die gesamte ‘S.I.’ -Sammlung neu herausgeben sollte, um zu zeigen, wie sehr all diese Leute sich vorher getäuscht haben, so sollte man auch einen dicken Band schreiben, um die Dummheiten und halben Zugeständnisse Revue passieren zu lassen, die sie seit dem Mai von sich gegeben haben. Wir wollen uns darauf beschränken, den amüsanten Journalisten Gaussen zu zitieren, der am 9.Dezember 1966 die ‘Le Monde’-Leser zu beruhigen glaubte, als er von den wenigen situationistischen Verrückten und Anstiftern des Strassburger Skandals schrieb, sie hätten “ein messianisches Vertrauen auf die Fähigkeit der Massen zur Revolution und zur Freiheit”. Heute ist Frédéric Gaussens Fähigkeit zur Freiheit sicherlich nicht um einen Milimeter vorangekommen, aber da wird er in derselben Zeitung am 29.Januar 1969 verwirrt, da er überall “das Gefühl” wiederfindet, “der revolutionäre Schwung sei auf Weltebene vorhanden.” “Die Gymnasiasten in Rom, die Studenten in Berlin, die ‘Wütenden’ in Madrid, Lenins ‘Waisenkinder’ in Prag und Rebellen in Belgrad, alle greifen dieselbe Welt an – die alte Welt…” Und Gaussen, mit fast denselben Worten wie damals, misst jetzt allen diesen revolutionären Massen denselben ‘quasi mystischen Glauben an die schöpferische Spontaneität der Massen’ zu.

    Wir wollen uns nicht triumphierend über die Pleite aller unserer geistigen Gegner auslassen und zwar nicht deshalb, weil dieser ‘Triumph’ – der eigentlich einfach derjenige der modernen revolutionären Bewegung ist – keine wichtige Bedeutung hätte. Dieses Thema ist aber monoton und der erneut zutagegetretene direkte Klassenkampf, der aktuelle revolutionäre Ziele erkennt, die erneut zutagetretende Geschichte – vorher erschien die Subversion der bestehenden Gesellschaft, heute deren Aufrechterhaltung als unglaublich – haben ein auffallend offensichtliches Urteil über die ganze Periode gefällt, die im Mai zu Ende ging. Anstatt das schon Bestätigte zu betonen, ist es von nun an wichtiger, die neuen Probleme zu stellen, die Mai-Bewegung zu kritisieren und die Praxis der neuen Epoche einzuleiten.

    In allen anderen Ländern hatte sich die jüngste – und übrigens bis heute immer noch konfuse – Suche nach einer radikalen Kritik des modernen (privaten bzw. bürokratischen) Kapitalismus noch nicht von der engen Basis gelöst, die sie sich in einem Sektor des Studentenmilieus erworben hatte. Ganz im Gegenteil und im Gegensatz zu dem, was die Regierung, die Zeitungen und die Ideologen der modernistischen Soziologie zu glauben vorgeben, war die Mai-Bewegung keine Studentenbewegung. Sie war eine proletarische revolutionäre Bewegung, die sich nach einem halben Jahrhundert der Unterdrückung Bahn brach und normalerweise nichts besaß: ihr unglückliches Paradox war, dass sie lediglich auf dem höchst ungünstigen Boden einer Studentenrevolte das Wort ergreifen und konkrete Gestalt annehmen konnte – in den Straßen um das Quartier Latin, die die Aufständischen besetzt hielten, und in den in derselben Zone ebenfalls besetzten Gebäuden, die im allgemeinen zum Erziehungsministerium gehört hatten. Anstatt sich bei der geschichtlichen, tatsächlich lächerlichen Parodie der leninistischen oder maostalinistischen Studenten aufzuhalten, die sich als Proletarier und damit sogleich als Führungs-Avantgarde des Proletariats verkleideten, muss man sich im Gegenteil vor Augen halten, dass es der fortgeschrittene Teil der unorganisierten und durch alle Formen der Unterdrückung getrennten Arbeiter war, der sich in der beruhigenden Bildwelt der Gewerkschaften und der spektakulären Information als Studenten verkleidet sah. Die Mai-Bewegung war nicht irgendeine politische Theorie auf der Suche nach ihren ausführenden Arbeitern: sie war das handelnde Proletariat auf der Suche nach seinem theoretischen Bewusstsein.

    Dass die Sabotage der Universität durch einige Gruppen junger Revolutionäre, die eigentlich bekanntermaßen Antistudenten waren, in Nantes und Nanterre (was die ‘Wütenden’ betrifft und sicher nicht die Mehrheit der ‘Bewegung des 22.März’, die diese erst spät in ihrer Tätigkeit ablöste) Gelegenheit dazu gab, Formen des direkten Kampfes weiterzuentwickeln, die von den unzufriedenen Arbeitern und vor allem den jungen schon in den ersten Monaten von 1968 z.B. in Caen und Redon ausgewählt worden waren – das ist ein keineswegs grundsätzlicher Umstand, der außerdem der Bewegung keineswegs schaden konnte. Schädlich war dagegen, dass der als wilder Streik gegen jeden Willen und jedes Manöver der Gewerkschaften vom Zaume gebrochene Streik später von den Gewerkschaften kontrolliert werden konnte. Sie akzeptierten einen Streik, den sie nicht hatten verhindern können, das von jeher übliche Verhalten einer Gewerkschaft gegenüber einem wilden Streik; diesmal mussten sie ihn aber auf nationaler Ebene akzeptieren. Indem sie diesen ‘nicht offiziellen’ Generalstreik akzeptierten, wurden sie von ihm weiter akzeptiert. Sie konnten die Fabriken weiter unter ihrer Kontrolle behalten und zugleich die große Mehrheit der Arbeiter insgesamt sowie jeden Betrieb in Bezug auf alle anderen von der wirklichen Bewegung isolieren. So dass die einheitlichste und am radikalsten kritische Aktion, die man je erlebt hat, gleichzeitig eine Summe von Isolierungen war und eine unheimliche Anzahl von platten offiziellen Forderungen hervorbrachte. So wie die Gewerkschaften es hatten akzeptieren müssen, dass sich der Generalstreik fragmentarisch behauptet, bis er zur Quasi-Einstimmigkeit gelangte, bemühten sie sich darum, ihn ebenfalls fragmentarisch zu liquidieren, indem sie durch den Terrorismus der Fälschung und ihres Monopols über die Verbindungen in jeder Branche die Krümchen akzeptieren ließen, die am 27.Mai noch von allen abgelehnt worden waren. So wurde der revolutionäre Streik auf ein Gleichgewicht des kalten Krieges zwischen der gewerkschaftlichen Bürokratie und den Arbeitern zurückgeführt. Die Gewerkschaften haben den Streik unter der Bedingung anerkannt, dass er stillschweigend durch die eigene praktische Passivität anerkennt, dass er nichts nützen würde. Die Gewerkschaften haben keine ‘Gelegenheit versäumt’, revolutionär zu handeln, da sie es von den Stalinisten bis zu den spießbürgerlichen Reformisten absolut nicht sind. Sie haben ebenfalls keine Gelegenheit versäumt, sehr erfolgreich Reformisten zu sein, da die Situation allzu revolutionär war, als dass sie das Risiko auf sich genommen hätten, mit ihr zu spielen, und als dass sie bestrebt waren, Nutzen aus ihr zu ziehen. Sehr offensichtlich wollten sie nur, dass sie so schnell wie möglich ein Ende nimmt, koste es, was es wolle. Hier gibt die stalinistische Heuchelei (der sich wunderbar die halb-gauchistischen Soziologen anschließen – vgl. Coudrays Buch ‘Der Durchbruch’, Verlag Le Seuil 1968) eine außerordentliche Achtung – die nur bei so einmaligen Augenblicken gebraucht wird – vor der Kompetenz der Arbeiter vor, vor deren erfahrener ‘Entscheidung’, die man mit dem phantastischen Zynismus als klar erörtert, mit voller Sachkenntnis gebilligt und auf absolut eindeutige Weise erkennbar hinstellt – dies eine Mal sollten die Arbeiter genau wissen, was sie wollten, weil sie “die Revolution nicht machen wollten!” Aber die Hemmnisse und Knebel, die von den Angst und Lüge schwitzenden Bürokraten gegen dieses vermeintliche Nicht-Wollen der Arbeiter aufgehäuft wurden, sind der beste Beweis für deren wirklichen, entwaffneten und furchtbaren Willen. Nur indem man die geschichtliche Totalität der Bewegung der modernen Gesellschaft vergisst, kann man sich an diesem kreisförmigen Positivismus weiden, der glaubt, er finde überall die bestehende Ordnung rational wieder, da seine ‘Wissenschaft’ ihn so weit treibt, dass er diese Ordnung der Reihe nach von der Seite der Frage und von der Seite der Antwort betrachtet. So bemerkt z.B. derselbe Coudray, dass “man mit diesen Gewerkschaften nur 5% haben kann, und wenn man diese 5% will, so genügen diese Gewerkschaften dafür.” Lässt man die Frage ihrer Absichten in Zusammenhang mit ihrem wirklichen Leben und dessen Interessen beiseite, so fehlt allen diesen Herren zumindest die Dialektik.

    Die Arbeiter, die natürlich – wie immer und überall – sehr gute Gründe hatten, unzufrieden zu sein, haben deswegen mit dem wilden Streik angefangen, weil sie die revolutionäre Situation gespürt haben, die aus den neuen Formen der Sabotage in den Universitäten und den aufeinanderfolgenden irrtümlichen Reaktionen der Regierung entstanden war. Ihnen waren selbstverständlich die Formen bzw. Reformen der Universitätsinstitutionen genauso gleichgültig wie uns – dagegen aber sicher nicht die Kritik der Kultur, der Landschaft und des alltäglichen Lebens im fortgeschrittenen Kapitalismus, die sich so schnell ausbreitete, nachdem dieser Universitätsschleier ein erstes Mal zerrissen wurde.

    Durch ihren wilden Streik haben die Arbeiter die Lügner Lügen gestraft, die in ihrem Namen sprachen. In den meisten Betrieben konnten sie zwar nicht so weit gehen, wirklich das Wort im eigenen Interesse zu ergreifen und das zu sagen, was sie wollten. Dafür müssen aber die Arbeiter durch ihre autonome Aktion schon die nirgends vorhandenen konkreten Bedingungen schaffen, die es ihnen ermöglichen zu sprechen und zu handeln. Der fast überall herrschende Mangel an diesem Dialog und dieser Verbindung sowie an dem theoretischen Wissen um die autonomen Ziele des proletarischen Klassenkampfes (diese Faktoren beider Kategorien können sich nur zusammen entwickeln) hat die Arbeiter daran gehindert, die Expropriateure ihres wirklichen Lebens zu expropriieren. So kam der fortgeschrittene Kern von Arbeitern, um den herum die nächste proletarische revolutionäre Organisation ihre Gestalt annehmen wird, als armer Verwandter des ’studentischen Reformismus’ ins Quartier Latin, der selbst ein reichlich künstliches Produkt der Pseudoinformation bzw. der Grüppchenverblendung war. Es waren junge Arbeiter, Angestellte, Arbeiter aus besetzten Büros, ‘Halbstarke’ und Arbeitslose, rebellierende Gymnasiasten, die oft gerade diese Arbeitersöhne waren, die der moderne Kapitalismus für diese Bildung zum reduzierten Preis anwirbt, die dazu bestimmt ist, das Funktionieren der hochentwickelten Industrie vorzubereiten (”Stalinisten, eure Söhne sind mit uns!”) – es waren ‘verlorene Intellektuelle’ und ‘Katangeser’.

    Dass ein nennenswerter Prozentsatz der französischen Studenten und vor allem der Pariser sich an der Bewegung beteiligt hat, ist eine offensichtliche Tatsache, die diese aber nicht grundsätzlich kennzeichnen kann und nicht einmal als einer ihrer Hauptzüge betrachtet werden kann. Von den 150.000 Pariser Studenten waren höchstens 10 bis 20 Tausend in den am wenigsten harten Stunden der Demonstrationen dabei und nur einige Tausend bei den gewaltsamen Zusammenstößen auf den Straßen. Der spontane Aufstand am 3.Mai im Quartier Latin war, nachdem die gauchistischen Verantwortlichen in der Sorbonne festgenommen worden waren, der einzige Moment in der Krise, der allein von den Studenten abhängig – und übrigens einer der entscheidenden Momente ihrer Ausdehnung gewesen ist. Am Tage nach der Besetzung der Sorbonne waren fast die Hälfte der Teilnehmer an den Vollversammlungen, die zu dieser Zeit eine sichtbare aufständische Funktion ausübten, immer noch Studenten, die um die Bedingungen ihrer Prüfungen besorgt waren und irgendeine günstige Reform der Universität wünschten. Ohne Zweifel erkannte eine etwas größere Zahl der beteiligten Studenten an, dass die Machtfrage gestellt war: das taten sie aber als naive Kundschaft der kleinen gauchistischen Parteien, als Zuschauer des alten leninistischen Modells oder sogar des exotischen fernöstlichen Mao-Stalinismus. Denn die Basis dieser Grüppchen bestand fast ausschließlich aus Studenten und das dort konservierte Elend war aus fast allen aus diesen Kreisen stammenden Flugblättern klar herauszulesen – das Nichts von Kravetz, die Schwachsinnigkeit von Péninov und Konsorten. So wurden oft die besten Interventionen der in den ersten Sorbonne-Tagen dorthin herbeigeeilten Arbeiter mit der pedantischen und hochmütigen Dummheit dieser Studenten aufgenommen, die sich für Doktoren der Revolution hielten, obwohl sie dagegen bereit waren, bei dem ungeschicktesten Manipulator zu schleimen und zu applaudieren, wenn er sie nur durch irgendeine Albernheit mit Andeutung auf ‘die Arbeiterklasse’ stimulierte. Jedoch ist schon allein die Tatsache, dass diese Gruppen eine gewisse Anzahl von Studenten rekrutieren, ein Zeichen für das Unbehagen in der gegenwärtigen Gesellschaft: die Grüppchen sind der theatralische Ausdruck einer wirklichen und undeutlichen Revolte, die nach ihren Gründen zu reduzierten Preisen sucht. Letztlich gibt die Tatsache, dass eine kleine Fraktion der Studenten wirklich allen radikalen Mai-Forderungen zugestimmt hat, noch einmal zu erkennen, wie tief diese Bewegung war – und das gereicht ihnen heute noch zur Ehre.

    Obwohl sich 1968 einige tausend Studenten aufgrund ihrer unmittelbaren Erfahrung individuell mehr oder weniger vollständig von der Stellung lösen konnten, die die Gesellschaft für sie bestimmt hatte, blieb die Studentenmasse unverändert. Jedoch nicht aufgrund der pseudo-marxistischen Plattheit, die die soziale Herkunft der (in ihrer großen Mehrheit bürgerlichen bzw. klein-bürgerlichen) Studenten als ausschlaggebend betrachtet, sondern vielmehr aufgrund des gesellschaftlichen Schicksals, das den Studenten definiert: das Werden des Studenten ist die Wahrheit seines Seins. Er wird massenweise für den Einsatz als leitende, mittlere bzw. untere Führungskraft der modernen Industrieproduktion produziert und konditioniert. Außerdem ist der Student unehrlich, wenn er sich über die ‘Entdeckung’ dieser immer offen dargelegten Logik seiner Ausbildung empört zeigt. Mit Sicherheit hat es für seine Verwirrung und seine Revolte eine Rolle gespielt, dass seine optimale Beschäftigung ökonomisch nicht gesichert war und vor allem in Frage stand, ob die ‘Privilegien’, die ihm die gegenwärtige Gesellschaft anzubieten vermag, wirklich wünschenswert sind. Gerade darum werden doch die Studenten zum gierigen Vieh, das in der Ideologie des einen oder anderen bürokratischen Grüppchens sein Qualitätssiegel finden möchte. Der Student, der sich als Bolschewist oder siegreicher Stalinist – d.h. als Maoist – sehen möchte, spielt auf zwei Klavieren. Falls sich die Macht nicht nach seinen Wünschen ändert, rechnet er damit, als Führungskraft des Kapitalismus lediglich aufgrund seiner Studien irgendein Fragment der Gesellschaft verwalten zu können. Für den Fall, dass sein Traum Wirklichkeit wird, sieht er sich noch ruhmvoller als ‘wissenschaftlich’ garantierter Verwalter auf einer noch höheren Stufe der politischen Führung. Die Herrschaftsträume der Grüppchen kommen oft ungeschickt in dem Ausdruck der Verachtung zum Vorschein, die sich ihre fanatischen Mitglieder gegenüber einigen Aspekten der Arbeiterforderung herauszunehmen erlauben, die sie oft ganz einfach dem ‘Versorgungsdenken’ zurechnen. Inmitten der Ohnmacht, die sich besser verstecken sollte, dämmert hier schon der Hochmut herauf, den diese Gauchisten eines Tages gerne der zukünftigen Unzufriedenheit derselben Arbeiter entgegensetzen würden, wenn sie als selbstpatentierte Spezialisten des Gemeininteresses des Proletariats Staatsmacht und Polizei wie in Kronstadt und in Peking in ‘ihren zerbrechlichen Händen’ halten könnten, die auf diese Weise kraft glücklicher Umstände verstärkt sein würden. Ist erst einmal die Perspektive derer beseitigt, die in sich die Keime zukünftiger souveräner Bürokratien tragen, büßt der soziologisch-journalistische Gegensatz zwischen den rebellischen Studenten, die angeblich ‘die Konsumgesellschaft’ ablehnen, und den Arbeitern, die erst noch begierig an ihr teilhaben möchten, jeden Grund ein, ernstgenommen zu werden. Der betreffende Konsum ist nur der Warenkonsum – ein hierarchischer Konsum, der für alle wächst, indem er sich aber dabei zunehmend hierarchisiert. ln der modernen Ware sind für alle, wenn auch ungleichmässig, Abnahme und Verfälschung des Gebrauchswerts vorhanden. Alle erleben diesen Konsum von spektakulären und wirklichen Waren in einer grundsätzlichen Armut, “da er selbst nicht jenseits des Entzugs stattfindet, sondern reicher gewordener Entzug ist”(’Die Gesellschaft des Spektakels’). Auch die Arbeiter verbringen ihr Leben mit dem Konsum des Spektakels, der Passivität, der Lügen der Welt der Ideologien und der Waren. Darüberhinaus machen sie jedoch über die konkreten Bedingungen und den Preis, die ihnen in jedem Augenblick ihres Lebens durch die Produktion all dessen aufgezwungen wird, weniger Illusionen als irgendjemand sonst.

    Aus all diesen Gründen bildeten die Studenten im Mai 1968 als soziale Schicht, die ebenfalls in einer Krise steckte, nichts anderes als die Nachhut der gesamten Bewegung.

    Die quasi allgemeine Unzulänglichkeit der Fraktion der Studenten, die behauptete, revolutionäre Absichten zu haben, ist sicherlich im Verhältnis zur freien Zeit, in der sie sich mit der Aufklärung der Probleme der Revolution hätte beschäftigen können, zwar erbärmlich, aber sehr zweitrangig. Die Unzulänglichkeit der an der Leine geführten und geknebelten breiten Arbeitermassen ist dagegen zwar verzeihlich, aber ausschlaggebend gewesen. Definition und Analyse der Situationisten, was die Hauptmomente der Krise betrifft, sind in René Viénets Buch ‘Wütende und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen’ (Gallimard 1968) dargelegt worden. Es wird hier genügen, die verschiedenen Punkte zusammenzufassen, die in diesem in Brüssel in den drei letzten Juliwochen anhand der schon zur Verfügung stehenden Dokumente verfassten Buch behandelt wurden, dessen Schlüsse unserer Meinung nach alle unverändert beibehalten werden können. Von Januar bis März machte sich die Gruppe der ‘Wütenden’ in Nanterre (die etwas später im April von der ‘Bewegung des 22. März’ abgelöst werden sollte) erfolgreich an die Sabotage von Vorlesungen und Räumen. Die allzu späte und sehr ungeschickte Repression durch den Universitätsrat, die mit zwei aufeinanderfolgenden Schließungen der Fakultät Nanterre verbunden waren, rief den spontanen Aufstand der Studenten am 3.Mai im Quartier Latin hervor. Die Universität wurde durch die Polizei und den Streik lahmgelegt. Eine Woche Straßenkämpfe gab den jungen Arbeitern die Gelegenheit, sich dem Aufstand anzuschließen; den Stalinisten, sich täglich durch unglaubliche Verleumdungen in Verruf zu bringen; den gauchistischen Führern der SNE-Sup. und der Grüppchen, ihren Mangel an Phantasie und Schärfe zur Schau zu stellen; der Regierung, immer wieder zu unpassender Zeit Gewalt und unglückliche Zugeständnisse zu gebrauchen. In der Nacht vom 10. zum 11.Mai rüttelte der Aufstand, der das Viertel um die Rue Gay-Lussac eroberte und es mehr als acht Stunden in seinem Besitz halten konnte, das ganze Land aus dem Schlaf und brachte die Regierung dazu, bei einem höchst wichtigen Punkt zu kapitulieren: sie zog die Kräfte zur Aufrechterhaltung der Ordnung aus dem Quartier Latin zurück und eröffnete die Sorbonne wieder, die sie nicht einmal in Betrieb halten konnte. Vom 13. bis 17.Mai entwickelte sich die Bewegung in einer Periode des unaufhaltsamen Aufstiegs bis zu einer allgemeinen revolutionären Krise weiter, wobei der 16.Mai wahrscheinlich der entscheidende Tag war, als die Fabriken damit begonnen, sich für den wilden Streik zu erklären. Am 13. war der bloß eintägige Generalstreik, der von den großen bürokratischen Organisationen beschlossen wurde, um der Bewegung ein schnelles, gutes und womöglich irgendwie für sie vorteilhaftes Ende zu setzen, eigentlich nur ein Beginn gewesen: die Arbeiter und Studenten aus Nantes liefen gegen die Präfektur Sturm und diejenigen, die als Besetzer wieder in die Sorbonne gingen, öffneten sie für die Arbeiter. Im selben Augenblick wurde sie zu einem ‘Volksclub’, dem gegenüber Sprache und Forderungen der 1848er Clubs zaghaft erscheinen. Am 14. besetzten die Sud-Aviation-Arbeiter in Nantes ihre Fabrik, indem sie die Manager einsperrten. Am 15. folgten 2 bzw. 3 Betriebe ihrem Beispiel und noch mehr vom 16. an, als die Basis der Renault-Werke in Billancourt den Streik durchsetzte. Dann folgten fast alle Betriebe, und in den folgenden Tagen wurden fast alle Einrichtungen, Ideen und Gewohnheiten in Frage gestellt. Fieberhaft bemühten sich Regierung und Stalinisten darum, der Krise durch Auflösung ihrer hauptsächlichen Kraft Einhalt zu gebieten – sie einigten sich darauf, Lohnerhöhungen zuzugestehen, die dazu geeignet sein sollten, die Arbeiter zu sofortiger Wiederaufnahme der Arbeit zu veranlassen. Am 27. lehnte die Basis aber überall das sogenannte ‘Grenelle-Abkommen’ ab. Dann meinte das Regime, das ein Monat stalinistischer Aufopferung nicht hatte retten können, es sei verloren. Am 29. fassten selbst die Stalinisten den Zusammenbruch des Gaullismus ins Auge und bereiteten sich unwillig dazu vor, zusammen mit den übrigen Linken dessen gefährliche Erbschaft anzutreten – und zwar eine soziale Revolution, die sie entweder entwaffnen oder niederschlagen mussten. Wenn De Gaulle sich gegenüber der Panik der Bourgeoisie und der schnellen Abnutzung der stalinistischen Bremse zurückgezogen hätte, wäre die neue Macht nur die geschwächte, aber offiziell gewordene vorige Allianz gewesen: die Stalinisten hätten mittels bürgerlicher Milizen, Partei-Aktivisten und Armee-Fragmente eine z.B. mit Mendès und Waldeck gebildete Regierung verteidigt. Sie hätten versucht, nicht wie Kerenski, sondern wie Noske zu handeln. De Gaulle zeigte sich kräftiger als seine Verwaltungskader und verschaffte den Stalinisten Erleichterung, als er am 30. bekanntgab, dass er versuchen würde, mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben, d.h. dass er die Armee in einen Bürgerkrieg einsetzen würde, um Paris zu halten bzw. zurückzuerobern. “Die hocherfreuten Stalinisten hüteten sich sorgfältig davor, die Fortsetzung des Streiks bis zum Sturz des Regimes zu fordern. Sie beeilten sich, den von De Gaulle festgesetzten Wahlen zuzustimmen, koste es, was es wolle. Unter solchen Umständen war die einzige Alternative die zwischen der autonomen Behauptung des Proletariats und der vollständigen Niederlage der Bewegung – zwischen der Räterevolution und dem Grenelle-Abkommen. Die revolutionäre Bewegung konnte nicht der KPF ein Ende setzen, ohne zunächst De Gaulle verjagt zu haben. Da die Form der Arbeitermacht, die sich in der nach-gaullistischen Phase der Krise hätte entwickeln können, gleichzeitig durch den alten, wieder behaupteten Staat und die KPF blockiert war, blieb ihr keine Chance mehr, ihrer schon in Gang gesetzten Niederlage zuvorzukommen.”(vgl. Viénet, op.cit.). Es begann dann die Ebbe, obwohl die Arbeiter eine bzw. mehrere Wochen lang den Streik fortsetzten, zu dessen Beendigung sie von allen Gewerkschaften genötigt wurden. Natürlich war die Bourgeoisie in Frankreich nicht verschwunden, sie war nur vor lauter Schrecken stumm geworden. Am 30.Mai sollte sie zusammen mit dem konformistischen Kleinbürgertum wieder auftauchen, um den Staat zu unterstützen. Solange aber die Arbeiter die Machtbasis dieser Bürokraten nicht abgeschafft hatte, indem sie die Form ihrer eigenen autonomen Macht erzwangen, konnte dieser schon von der bürokratischen Linken so gut verteidigte Staat nur dann fallen, wenn er es wollte. Die Arbeiter gewährten ihm diese Freiheit, und sie mussten die normalen Folgen davon ertragen. Die Mehrheit von ihnen hatte die totale Bedeutung ihrer Bewegung nicht erkannt, und keiner konnte es an ihrer Stelle tun.

    Hätte sich zwischen dem 16. und 30.Mai in einer einzigen großen Fabrik eine Vollversammlung zu einem Rat konstituiert, mit aller Entscheidungs- und Exekutivgewalt, hätte die Bürokratie verjagt, ihre Selbstverteidigung organisiert und die Streikenden aller Betriebe aufgefordert, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, so hätte dieser letzte qualitative Schritt die Bewegung gleich in den Endkampf treiben können, dessen Richtlinien er alle bereits historisch entworfen hat. Sehr viele Betriebe wären dem so entdeckten Weg gefolgt. Diese Fabrik hätte sofort die unsichere und in jeder Hinsicht exzentrische Sorbonne der ersten Tage ersetzen können, um zum wirklichen Mittelpunkt der Bewegung der Besetzungen zu werden. Echte Delegierte der vielen Räte, die schon potentiell in bestimmten besetzten Gebäuden existierten, und all derer, die sich in allen Industriezweigen hätten durchsetzen können, hätten sich dieser Basis angeschlossen. Eine solche Versammlung hätte dann die Expropriation des gesamten – inklusive des staatlichen – Kapitals proklamieren können; und ankündigen können, dass alle Produktionsmittel des Landes von nun an das kollektive Eigentum des in Form der direkten Demokratie organisierten Proletariats sind, und die Arbeiter der ganzen Welt direkt zur Unterstützung dieser Revolution auffordern können – indem sie sich z.B. endlich einiger technischer Mittel des Fernmeldewesens bemächtigt hätte. Gewisse Leute sagen, eine solche Hypothese sei utopisch. Darauf unsere Antwort: gerade weil die Bewegung der Besetzungen in vielen Augenblicken objektiv nur eine Stunde von einem solchen Resultat entfernt war, hat sie so einen Schrecken so weit verbreitet, den zu dieser Zeit alle aus der Ohnmacht des Staates und der Bestürzung der sogenannten ‘kommunistischen’ Partei deutlich herauslesen konnten, und seitdem aus der Verschwörung des Schweigens über ihre Wichtigkeit. So dass Millionen von Augenzeugen, wenn sie jetzt wieder von der ’sozialen Organisation des Scheins’ erfasst werden, die ihnen diese Epoche als eine vorübergehende Tollheit der – vielleicht sogar nur studentischen – Jugend darstellt, sich fragen müssen, inwieweit eine Gesellschaft selbst nicht irrsinnig ist, die eine solche wunderliche Verirrung geschehen lassen konnte. Natürlich war in dieser Perspektive ein Bürgerkrieg nicht zu vermeiden. Wenn der bewaffnete Zusammenstoß nicht mehr von dem abhängig gewesen wäre, was die Regierung betreffs der eventuellen bösen Absichten der sogenannten ‘kommunistischen’ Partei befürchtete bzw. zu befürchten vorgab, sondern ganz objektiv von der Konsolidierung der direkten proletarischen Macht in einer industriellen Basis (selbstverständlich einer totalen und nicht irgendeiner ‘Arbeitermacht’, die auf wer weiß welche Pseudo-Kontrolle über die Produktion ihrer eigenen Entfremdung beschränkt gewesen wäre), so wäre die bewaffnete Konterrevolution bestimmt sofort in Gang gesetzt worden. Sie wäre aber ihres Sieges nicht sicher gewesen. Ein Teil der Truppen hätte bestimmt gemeutert, und die Arbeiter hätten Waffen gefunden und gewiss keine Barrikaden mehr gebaut – die ohne Zweifel als politische Ausdrucksform am Anfang der Bewegung gut, aber offensichtlich strategisch lächerlich waren (und Leute wie Malraux, die im Nachhinein behaupten, die Panzer hätten die Rue Gay-Lussac viel schneller erobert als die polizeilichen Einsatzkommandos, haben sicher in diesem Punkt recht, aber konnten sie damals die Kosten eines solchen Sieges politisch abdecken? Dieses Risiko sind sie auf jeden Fall nicht eingegangen, sie haben sich lieber totgestellt, obwohl sie diese Demütigung bestimmt nicht aus Humanismus hinuntergeschluckt haben). Eine fremde Invasion wäre dann zwangsläufig gefolgt, was gewisse Ideologen davon auch halten mögen (man kann Hegel und Clausewitz gelesen haben und doch nur Glucksmann sein), vermutlich von den NATO-Kräften ausgehend, aber mit direkter oder indirekter Unterstützung des ‘Warschauer Pakts’. Dann wäre aber vor dem europäischen Proletariat sofort wieder alles aufs Spiel gesetzt.

    Seit der Niederlage der Bewegung der Besetzungen ist sowohl von denen, die an ihr teilgenommen haben, als auch von denen, die sie über sich ergehen lassen mussten, oft die Frage gestellt worden: “War das eine Revolution?”. Wenn in der Presse und im alltäglichen Leben ein feige neutrales Wort – “die Ereignisse” – benutzt wird, so zeigt das, wie sehr vor einer Antwort und selbst vor der Formulierung der Frage zurückgewichen wird. Eine solche Frage muss in ihr wirkliches historisches Licht gestellt werden. Der ‘Erfolg’ bzw. ‘Misserfolg’ einer Revolution als platte Bezugnahme der Journalisten und Regierungen bedeutet in dieser Angelegenheit nichts, aus dem einfachen Grund, dass seit den bürgerlichen Revolutionen keine Revolution erfolgreich war: keine hat die Klassen abgeschafft. Bisher hat die proletarische Revolution nirgends den Sieg davongetragen, während der praktische Prozess aber, durch den ihr Projekt zur Erscheinung kommt, schon mindestens zehn historisch äußerst wichtige revolutionäre Momente hervorgebracht hat, die man verabredetermaßen Revolutionen nennt. Nie konnte sich in ihnen der totale Inhalt der proletarischen Revolution entfalten, jedesmal aber handelt es sich wieder um eine wesentliche Unterbrechung der herrschenden sozio-ökonomischen Ordnung und um das Auftauchen neuer Formen und Auffassungen des wirklichen Lebens – vielseitige Phänomene also, die nur in ihrer Gesamtbedeutung, die selbst von ihrer eventuellen historischen Zukunft nicht zu trennen ist, verstanden und beurteilt werden können. Unter allen partiellen Kriterien, die zur Einschätzung dessen gebraucht werden, ob man dieser oder jener Periode der Störung der Staatsmacht den Titel einer Revolution verleihen sollte, ist ganz gewiss dasjenige am schlimmsten, das berücksichtigt, ob das etablierte Regime gefallen ist oder sich erhalten konnte. Dieses von den Denkern des Gaullismus nach dem Mai reichlich geltend gemachte Kriterium machte es der von einem Tag auf den anderen berichtenden Information ebenso möglich, irgendeinen militärischen Putsch eine Revolution zu nennen, der im Laufe eines Jahres das Regime in Brasilien, Ghana, Irak oder sonstwo gestürzt hat. 1905 dagegen stürzte die Revolution das Zar-Regime nicht, das bloß zu einigen vorübergehenden Zugeständnissen gezwungen wurde. 1936 beseitigte die spanische Revolution formell die bestehende politische Macht nicht, sie ging im übrigen von einem proletarischen Aufstand aus, der anfänglich diese Republik gegen Franco unterstützen wollte. 1956 hat die ungarische Revolution auch nicht Nagys bürokratisch-liberale Regierung abgeschafft. Berücksichtigt man noch dazu andere bedauernswerte Beschränkungen, so wies die ungarische Bewegung zahlreiche Aspekte eines nationalen Aufstandes gegen eine fremde Herrschaft auf; und obwohl dieses Kennzeichen eines nationalen Widerstand in der Pariser Kommune nicht so bedeutend war, hat es doch in ihrem Ursprung eine Rolle gespielt. Außerdem ersetzte diese die Macht Thiers nur innerhalb von Paris. Was den Sankt-Petersburger Rat von 1905 betrifft so hat er sogar nie die Hauptstadt unter seine Kontrolle gebracht. Alle hier als Beispiele angeführten Krisen, deren praktische Verwirklichung und sogar deren Inhalt unvollendet blieben, brachten jedoch ausreichend radikale Neuheiten und hielten die durch sie getroffenen Gesellschaften ernstlich genug in Schach, um sie legitimerweise Revolutionen zu nennen. Wenn man über Revolutionen nach der Größe des Blutbades urteilen will, das sie mit sich bringen, so braucht diese romantische Auffassung nicht einmal diskutiert zu werden. Unbestreitbare Revolutionen haben sich durch sehr wenig blutige Zusammenstöße behauptet – selbst die Pariser Kommune, die mit einem Gemetzel enden sollte – und im Gegenteil haben viele bürgerkriegsähnliche Zusammenstöße Tausende von Toten aufgehäuft, ohne irgendwie Revolutionen zu sein. Nicht die Revolutionen sind im allgemeinen blutig, sondern die Reaktion und Repression, die ihnen in einer zweiten Phase entgegengesetzt werden. Bekanntlich hat die Frage der Totenzahl während der Mai-Bewegung zu einer Polemik geführt, zu der die vorübergehend beruhigten Ordnungsfreunde immer wieder greifen. Laut der offiziellen Wahrheit hat es nur 5 Tote gegeben, die auf der Stelle gestorben sind, unter denen ein einziger Polizist. Alle, die das behaupten, fügen selbst hinzu, es sei ein unwahrscheinlicher Glücksfall gewesen. Die wissenschaftliche Unwahrscheinlichkeit dieser offiziellen Mitteilung wird noch dadurch beträchtlich verstärkt, dass man nie zugestehen wollte, dass ein einziger der sehr vielen Schwerverwundeten in den folgenden Tagen sterben konnte – dieses seltsame Glück verdankt jedoch keiner der schnellen chirurgischen Hilfe besonders während der Nacht der Rue Gay-Lussac. Wenn andererseits eine leichte Fälschung mit dem Zweck, die Zahl der Toten zu unterschätzen der Regierung in ihrer verzweifelten Lage in dem Augenblick sehr nützlich war, ist sie das aus anderen Gründen auch nachher geblieben. Schließlich aber sind insgesamt die rückblickenden Beweise für den revolutionären Charakter der Bewegung der Besetzungen so schlagend wie diejenigen, die sie durch ihre bloße Existenz der Welt ins Gesicht geworfen hat: den Beweis dafür, dass sie eine neue Legitimität entworfen hatte, lieferte das im Juni wiederhergestellte Regime selbst, indem es es niemals für möglich hielt, die Verantwortlichen für die offensichtlichen illegalen Handlungen, durch die es teilweise seiner Autorität und sogar seiner Gebäude beraubt worden war, zu verfolgen, um wieder dieselbe innere Sicherheit im Staat zu erreichen. Für diejenigen aber, die die Geschichte unseres Jahrhunderts kennen, ist allerdings folgendes das Evidenteste: alles, was die Stalinisten pausenlos und in jeder Phase getan haben, um die Bewegung zu bekämpfen, beweist, dass die Revolution da war.

    Während die Stalinisten wie immer sozusagen die ideale arbeiterfeindliche Bürokratie in reiner Form darstellten, hatten die ersten Keime der gauchistischen Bürokratien keinen Stützpunkt. Alle behandelten die tatsächlichen Bürokratien ostentativ rücksichtsvoll sowohl aus Berechnung als auch aus Ideologie (mit der Ausnahme der ‘Bewegung des 22.März’ die sich darauf beschränkte, ihre eigenen Unterwanderer – J.C.R., Maoisten usw. – zu schonen). Folglich blieb ihnen nichts anderes übrig, als eine spontane Bewegung, die viel extremistischer als sie war, und gleichzeitig Apparate, die dem Gauchismus in einer so offensichtlich revolutionären Situation auf gar keinen Fall Zugeständnisse machen konnten, ‘weiter nach links’ – die aber nur in Bezug auf ihre eigenen mangelhaften Berechnungen – treiben zu wollen. Deshalb gab es eine reiche Blüte pseudo-strategischer Illusionen: so glauben einige Gauchisten, dass die Besetzung irgendeines Ministeriums in der Nacht zum 25.Mai die Bewegung zum Sieg geführt hätte (andere Gauchisten hatten aber damals manövriert, um einen solchen ‘Exzess’ zu verhindern, der mit ihrer eigenen Planung des Sieges nicht zusammenpasste). Andere glaubten schließlich, dass die Fakultäten sich zu Stützpunkten der Stadtguerilla entwickeln würden, und warteten dabei auf die Verwirklichung ihres bescheidenen Traums, deren ‘verantwortliche’ und gesäuberte Verwaltung zu behalten, um dort eine sogenannte ‘Sommeruniversität’ zu organisieren. (Nun fielen allerdings nach dem Arbeiterstreik alle Fakultäten, ohne sich überhaupt zur Wehr gesetzt zu haben, und die Sorbonne hätte in weniger als einer Stunde durch einen Streifzug der CRS schon eingenommen werden können, als sie als vorübergehendes Zentrum der sich ausdehnenden Bewegung am Ende der kritischen Nacht zum 17.Mai mit allen offenen Türen fast menschenleer war.) Indem die Grüppchen weder einsehen wollten, dass die Bewegung schon über eine politische Veränderung im Staat hinausging, noch richtig verstehen, was eigentlich auf dem Spiel stand – nämlich ein kohärentes und totales Bewusstwerden der Arbeiter in den Betrieben – arbeiteten sie allerdings dieser Perspektive entgegen, indem sie im Überfluss von Motten zerfressene Illusionen verbreiteten und überall mit dem schlechten Beispiel dieses bürokratischen Benehmens vorangingen, das alle revolutionären Arbeiter ankotzt; indem sie letztlich auf die unglücklichste Weise aller vergangenen Revolutionsformen, den Parlamentarismus sowie auch die Guerilla im Stil Zapatas parodierten, ohne dass dieses erbärmliche Theater sich je mit der geringsten Wirklichkeit gedeckt hätte. Normalerweise waren die zurückgebliebenen Ideologen der kleinen gauchistischen Parteien und Anbeter der Irrtümer einer entschwundenen revolutionären Vergangenheit fast ohne Waffen, um eine moderne Bewegung zu verstehen. In der ‘Bewegung des 22.März’, ihrer eklektischen und durch modernistische, mit Schnürchen zusammengefügte Inkohärenz bereicherte Vereinigung, waren fast alle ideologischen Mängel der Vergangenheit mit den Fehlern eines naiven Konfusionismus verbunden. Die Rekuperatoren standen an der Spitze derer selbst, die ihre Angst vor ‘der Rekuperation’ laut verkündeten, die sie übrigens verschwommen als eine Gefahr etwas mystischer Art betrachteten, da es ihnen schon am kleinsten Wissen um die Grundwahrheiten über Rekuperation und Organisation fehlte – darum, was ein Delegierter und ein unverantwortlicher ‘Wortführer’ ist, der eigentlich dadurch die Führung innehat, da die hauptsächliche praktische Macht der ‘Bewegung des 22.März’ darin bestand, mit Journalisten zu sprechen. Ihre lächerlichen Stars kamen vor allen ’sunlights’, um der Presse zu erklären, dass sie sich davor hüteten, Stars zu werden.

    Die überall ein wenig spontan entstandenen ‘Aktionskomitees standen an der zweideutigen Grenze zwischen direkter Demokratie und unterwanderter und rekuperierter Inkohärenz. Fast alle wurden durch diesen inneren Widerspruch zerrissen. Die Trennung war aber zwischen den beiden hauptsächlichen Organisationsformen noch deutlicher, die dieselbe Benennung hatten. Auf der einen Seite gab es die Komitees, die auf lokaler Basis (Aktionskomitees in den Vierteln bzw. Betrieben, Besetzungskomitees in bestimmten, in die Hände der revolutionären Bewegung gefallenen Gebäuden) oder zu dem Zweck gebildet wurden, bestimmte spezialisierte Aufgaben zu erfüllen, deren praktische Notwendigkeit offensichtlich war, und vor allem zur internationalistischen Ausdehnung der Bewegung (italienisches, nord-afrikanisches Aktionskomitee usw.). Auf der anderen Seite entstanden aber auch immer mehr professionelle Komitees, die versucht haben, den alten Syndikalismus wiederherzustellen – am meisten aber zum Nutzen der Halbprivilegierten und folglich mit deutlich kooperativem Charakter als Tribüne für getrennte. Spezialisten, die sich als solche an die Bewegung anschließen, in ihr überleben und aus ihr sogar noch irgendeinen Vorteil für ihre Bekanntheit ziehen wollten (so z.B. die ‘Generalstände des Films’, die Schriftstellerunion, das Aktionskomitee des englischen Instituts der Sorbonne u.a.m.). Noch stärker als ihre Ziele waren ihre Methoden entgegengesetzt. In den ersteren Komitees waren Beschlüsse vollstreckbar, während sie bei den anderen abstrakte Wünsche blieben; in den ersteren deuteten sie schon auf die revolutionäre Macht der Räte hin, während sie bei den anderen die Machtgruppen im Staat parodierten.

    Die besetzten Gebäude, wenn sie nicht unter der Kontrolle der ‘getreuen Verwalter’ aus den Gewerkschaften waren und sofern sie nicht als pseudo-feudales Eigentum der einzigen Versammlung ihrer üblichen Verbraucher aus der Universität isoliert geblieben sind, stellten einen der stärksten Stützpunkte der Bewegung dar (so z.B. die Sorbonne in den ersten Tagen; die Gebäude, die von den ‘Studenten’ von Nanterre den Arbeitern und Bewohnern der Randsiedlung geöffnet wurden; die INSA, in deren Gebäuden sich revolutionäre Arbeiter aus Lyon niederließen; das Nationale Pädagogische Institut). Die diesen Besetzungen innewohnende Logik konnte die besten Folgen haben: es muss übrigens darauf hingewiesen werden, wie eine Bewegung, die paradoxerweise vor der Perspektive einer Beschlagnahme der Waren zögerte, sich dagegen keinerlei Sorgen darum machte, schon von einem Teil des staatlichen Immobilienkapitals Besitz ergriffen zu haben.

    Wenn schließlich die Aufnahme dieses Beispiels in den Fabriken verhindert wurde, so muss auch gesagt werden, dass der Stil, den viele dieser Besetzungen geschafft hatten, sehr mangelhaft war. Fast überall verhinderte die bewahrte Routine, die Bedeutung einer Situation zu erkennen sowie die Instrumente, die sie für die laufende Aktion anbot. Z.B. wird in der Nummer 77 von ‘I.C.O.’ (Januar 1969) dem Buch von Viénet, in dem ihre Anwesenheit in Censier erwähnt wird entgegengehalten, dass die seit langem durch dieses Bulletin in Verbindung stehenden Genossen “nicht ‘getagt’ hätten – weder in der Sorbonne noch in Censier noch sonstwo; alle waren in dem Streik auf ihrem Arbeitsplatz”, sowie “in den Versammlungen und auf den Straßen engagiert. Sie haben nie daran gedacht, in irgendeiner Form eine ‘permanente Dienststelle’ in den Fakultäten zu errichten, und noch weniger daran, ein ‘Verbindungsorgan mit den Arbeitern’ bzw. einen ‘Rat’ zu bilden, auch keinen ‘für die Erhaltung der Besetzungen’ ” – was sie für “die Beteiligung an parallel laufenden Organen” halten, “mit dem Zweck, anstelle des Arbeiters aufzutreten.” Etwas weiter unten fügt ICO hinzu, sie hätten dort trotzdem “zwei Gruppensitzungen pro Woche” abgehalten, da “die Fakultäten und vor allem die ruhigere Censier-Fakultät kostenlose Räume zur Verfügung stellten.” So wurden die ICO-Arbeiter (von denen wir gerne annehmen wollen, sie seien dort so wirksame wie bescheidene Arbeiter, wo sie sich auf ihren genauen Arbeitsplätzen und den umliegenden Straßen im Streik engagieren) durch ihre Bedenken dazu gebracht, bei einem der neuartigsten Aspekte der Mai-Krise nur die Möglichkeit zu sehen, ihre Stammkneipe zu ersetzen, indem sie über kostenlose Räume in einer ruhigen Fakultät verfügten. Sie geben weiter zu – aber in einem weiterhin selbstzufriedenen Ton – dass manche ihrer Genossen “schnell aufhörten, den ICO-Zusammenkünften beizuwohnen, da diese ihnen keine Antwort auf ihren Wunsch, ‘etwas zu tun’ geben konnten”. So ist für diese Arbeiter das ‘Etwas tun’ automatisch zur schimpflichen Tendenz geworden, an die Stelle ‘des Arbeiters’ treten zu wollen – sozusagen an die Stelle des Wesens des Arbeiters an sich, der – laut Definition – nur in seiner Fabrik vorhanden ist, d.h. dort, wo z.B. die Stalinisten ihn zum Schweigen zwingen und ICO normalerweise warten muss, bis sich alle Arbeiter selbst auf reine Weise befreit haben (Läuft man sonst nicht Gefahr, an die Stelle dieses wirklichen und heute noch stummen Arbeiters zu treten?). Eine solche ideologische Wahl der Zersplitterung verhöhnt das wesentliche Bedürfnis, das von so vielen Arbeitern im Mai als so lebenswichtig dringend empfunden wurde – und zwar die Koordinierung und Kommunikation zwischen den einzelnen Kämpfen und Ideen, die sich von freien Treffpunkten aus hätten entwickeln können, außerhalb der der gewerkschaftlichen Polizei unterworfenen Fabriken. ICO ist jedoch weder vor noch seit dem Mai bis zum Ende seiner metaphysischen Schlussfolgerung gegangen. Sie existiert als vervielfältigte Veröffentlichung, durch welche einige Dutzend Arbeiter sich damit abfinden, ihre eigenen Analysen an die Stelle derer zu setzen, die einige Hundert andere Arbeiter, die diese nicht verfasst haben, spontan machen könnten. In der Nummer 78 vom Februar erfahren wir sogar, dass “die Auflage von ‘ICO’ innerhalb eines Jahres von 600 auf 1.000 Exemplare gestiegen ist”. Aber jeder ‘Rat für die Erhaltung der Besetzungen’ (CMDO) z.B., der die Tugend der ICO anscheinend sehr schockiert, allein indem er das Nationale Pädagogische Institut besetzte und ohne von seinen anderen damaligen Aktivitäten bzw. Veröffentlichungen sprechen zu wollen, konnte dank einer sofortigen Vereinbarung mit den streikenden Arbeitern der IPN-Druckerei in Montrouge Texte mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren kostenlos drucken lassen. Die meisten Exemplare wurden dann unter andere streikende Arbeiter verbreitet und niemand hat bisher versucht zu zeigen, dass ihr Inhalt es im geringsten bezweckte, anstelle von den Entscheidungen irgendeines Arbeiters aufzutreten. Die Beteiligung an den Verbindungen, die von dem CMDO in Paris und in der Provinz hergestellt wurden, hat außerdem niemals der Anwesenheit von Streikenden auf ihrem Arbeitsplatz – und sicher auch nicht auf der Straße – widersprochen. Schließlich haben einige streikende Setzer des CMDO es für weitaus besser gehalten, irgendwo anders mit den zur Verfügung stehenden Maschinen zu arbeiten, als passiv in ‘ihrem’ Betrieb zu bleiben.

    Wenn die Puristen der Arbeiteruntätigkeit dabei sicherlich die Gelegenheit verpasst haben, das Wort zu ergreifen – als Antwort auf alle Male, in denen sie zum Schweigen gezwungen wurden, das bei ihnen zu einer Art stolzen Gewohnheit geworden ist – so wurde doch die Menge der neo-bolschewistischen Unterwanderer viel schädlicher. Das schlimmste allerdings war der äußerste Mangel an Homogenität der Versammlung, die in den ersten Besetzungstagen der Sorbonne zum mustergültigen Mittelpunkt einer Bewegung wurde – ohne es eigentlich gewollt oder auch nur alles klar verstanden zu haben -, die die Fabriken mitriss. Dieser Mangel an sozialer Homogenität folgte zunächst aus dem zahlenmäßig sehr starken Übergewicht der Studenten trotz des guten Willens vieler von ihnen, das aber durch einen ziemlich großen Prozentsatz von Besuchern noch verstärkt wurde, die aus rein touristischen Gründen gekommen waren – auf dieser objektiven Basis konnten Leute wie Péninou oder Krivine ihre gröbsten Manöver entwickeln. Zu der Zweideutigkeit der Teilnehmer kam noch die wesentliche Zweideutigkeit der Handlungen einer improvisierten Versammlung hinzu, die zwangsläufig dazu gebracht worden war, die Räte-Perspektive vor dem ganzen Land zu repräsentieren – in jedem Sinne des Wortes und folglich auch im schlimmsten. So fasste diese Versammlung Beschlüsse sowohl für die Sorbonne selbst – übrigens schlecht und mystifiziert, da sie nicht einmal Herr über ihre eigene Organisation werden konnte – als auch für die Gesellschaft im Krisenzustand: sie wollte und proklamierte mit ungeschickten aber aufrichtigen Worten die Vereinigung mit den Arbeitern und die Negation der alten Welt. Wenn wir ihre Fehler aussprechen, wollen wir doch nicht vergessen, was für ein großes Gehör sie gefunden hatte. In derselben Nummer 77 der ICO wird den Situationisten vorgeworfen, damals in dieser Versammlung nach der mustergültigen Tat gesucht, die ‘in die Legende eingehen’ würde, und einige Köpfe ‘auf das Podium der Geschichte’ gestellt zu haben. Was uns betrifft, glauben wir nicht, irgendeinen als Star auf eine historische Bühne gestellt zu haben, wir sind aber auch der Meinung, dass die gezierte Überlegene Ironie dieser ’schönen Arbeiterseelen’ am äußerst falschen Ort kommt – es war eine historische Bühne.

    Da die Revolution verloren hat, mussten sich die sozio-technischen Mechanismen des falschen Bewusstseins natürlich in einem wesentlich unbeschädigten Zustand wiederherstellen: das Spektakel prallt gegen seine reine Negation und kein Reformismus kann dann die Zugeständnisse erhöhen (und wäre es nur um 7%), die es der Wirklichkeit macht. Eine Überprüfung der ungefähr dreihundert Bücher, die in dem Jahr nach der Bewegung der Besetzungen herausgekommen sind (wobei wir nur die in Frankreich verlegten berücksichtigen), sollte genügen, um dies selbst denjenigen mit der geringsten Erfahrung zu zeigen. Nicht die Zahl dieser Bücher könnte verspottet oder getadelt werden, wie einige Leute, die von der Gefahr einer Rekuperation gequält werden, gemeint haben; sie haben doch um so weniger Gründe zur Unruhe, als es bei ihnen im allgemeinen nicht viel gibt, das die habsüchtigen Rekuperatoren verlocken könnte. Die Tatsache, dass so viele Bücher veröffentlicht wurden, bedeutet vor allem, dass die historische Bedeutung der Bewegung trotz eigensüchtiger Verständnislosigkeit und Verleugnung tief empfunden wurde. Von einem viel einfacheren Standpunkt aus soll die Tatsache kritisiert werden, dass von den 300 Büchern kaum 10 lesenswert sind, ob es sich um Berichte und Analysen handelt, die von jeder lächerlichen Ideologie frei sind, oder um Sammlungen unverfälschter Dokumente. Die auf der ganzen Linie vorherrschende ungenügende Information bzw. Fälschung ist auf bevorzugte Art und Weise benutzt worden, wie fast immer über die Tätigkeit der Situationisten berichtet wurde. Selbst ohne von den Büchern zu sprechen, die sich darauf beschränken, sie zu verschweigen, bzw. einige absurde Beschuldigungen vorzubringen, ist durch die drei verschiedenen Kategorien dieser Bücher je ein Stil der Unwahrheit gewählt worden. Beim ersten Muster wird die Aktion der S.I. auf die 18 Monate vorher geschehene Strassburger Affäre beschränkt als ein erster entfernter Auftakt einer Krise, in der sie dann nicht mehr zu finden gewesen sei (diese Position vertritt auch Cohn-Bendit, dem es sogar gelungen ist, kein Wort über die Gruppe der ‘Wütenden’ in Nanterre zu sagen). Als diesmal positive und nicht mehr bloße Unterlassungslüge wird beim zweiten Muster jeder Evidenz zum Trotz behauptet, die Situationisten hätten es akzeptiert, irgendwie mit der ‘Bewegung des 22.März’ Fühlung zu nehmen, und viele gehen sogar so weit und lassen uns vollständig mit ihr verschmelzen. Schließlich schildert uns das dritte Muster als eine autonome Gruppe von unverantwortlichen Wüterichen, die sogar mit Waffengewalt die Sorbonne oder sonstige Gebäude überfallen hätten, um dort eine ungeheuerliche Unruhe anzustiften, und die verrücktesten Forderungen geltend gemacht hätten.

    Es lässt sich jedoch nicht leicht leugnen, dass die Situationisten 1967 – 1968 einigermaßen kontinuierlich gehandelt haben. Gerade diese Kontinuität scheint sogar denen unangenehm gewesen zu sein, die mit ihren vielen Interviews bzw. angeworbenen Anhängern den Anspruch darauf erheben, die Führungsrolle in der Bewegung anerkannt zu bekommen – eine Rolle also, die die S.I. ihrerseits immer wieder von sich gewiesen hat; so werden einige unter diesen Leuten durch ihre schwachsinnige Ruhmsucht dazu gebracht, gerade das zu verheimlichen, was sie etwas besser als andere kennen. Die situationistische Theorie hatte beträchtlich zur Entstehung der generalisierten Kritik beigetragen, aus der die ersten Vorfälle der Mai-Krise entstanden sind und die sich gleichzeitig mit ihr entfaltete. Das war nicht nur unserer Intervention gegen die Strassburger Universität zuzurechnen; so waren z.B. in den wenigen Monaten vor Mai Vaneigems und Debords Bücher in je 2 bis 3.000 Exemplaren verbreitet worden, von denen ein außergewöhnlich hoher Prozentsatz von revolutionären Arbeitern gelesen wurde (nach gewissen Angaben sollen die beiden Bücher die beiden 1968 in den Buchhandlungen am meisten gestohlenen Bücher gewesen sein, wenigstens im Verhältnis zu ihrer Auflage). Durch die Gruppe der ‘Wütenden’ kann die S.I. mit vollem Recht sagen, dass sie eine nicht unwichtige Rolle bei der genauen Entstehung der Unruhen in Nanterre innehatte, die so weit führen sollten. Schließlich glauben wir, dass wir nicht allzu viel hinter der großen, spontanen Massenbewegung zurückblieben, die im Mai 68 im ganzen Land herrschte, sowohl durch unsere Tätigkeit in der Sorbonne als auch durch die verschiedenen späteren Aktionsformen des ‘Rates für die Aufrechterhaltung der Besetzungen’(CMDO). Außer der eigentlichen S.I. bzw. einer größeren Anzahl von einzelnen Leuten, die ihre Thesen billigten und dementsprechend handelten, befürworteten noch viele andere situationistische Perspektiven, sei es wegen eines direkten Einflusses oder unbewusst, da diese zum großen Teil genau diejenigen waren, die diese Epoche einer revolutionären Krise objektiv in sich trug. Diejenigen, die daran zweifeln, brauchen nur die Mauern zu lesen (für alle, die es nicht unmittelbar erleben konnten, weisen wir auf den von Walter Lewino veröffentlichten Bildband ‘Die Phantasie an die Macht’ hin, Losfeld-Verlag 1968).

    Man kann also behaupten, dass die systematische Bagatellisierung der Rolle der S.I. nur eine Einzelheit darstellt, die der aktuellen und in der herrschenden Perspektive normalen Bagatellisierung der gesamten Bewegung der Besetzungen entspricht. Die Art Eifersucht gewisser Gauchisten, die stark zu diesem Werk beiträgt, ist übrigens vollkommen fehl am Platz. Die extremistischen Gauchistengrüppchen haben keinen Grund, als Rivalen der S.I. aufzutreten, da diese keine Gruppe ihrer Art ist, die mit ihnen auf dem Gebiet des Militantismus konkurriert oder die wie sie beansprucht, die revolutionäre Bewegung im Namen einer ‘korrekt’ behaupteten Interpretation dieser oder jener erstarrten, dem Marxismus bzw. dem Anarchismus entnommenen Wahrheit zu leiten. Wer die Frage so versteht, vergisst, dass die S.I. im Gegensatz zu diesen abstrakten Wiederholungen, in denen alte Schlussfolgerungen, die in den Klassenkämpfen immer noch aktuell sind, unentwirrbar mit unzähligen, einander zerreißenden Irrtümern bzw. Fälschungen durchsetzt sind, vor allem einen neuen Geist in die theoretische Auseinandersetzung über die Gesellschaft, die Kultur und das Leben eingeführt hatte. Zweifellos war dieser Geist revolutionär. Er konnte sich bis zu einem bestimmten Grad mit der wieder ansetzenden wirklichen revolutionären Bewegung verbinden. Genau in dem Maße, wie diese Bewegung ebenfalls neu war, konnte sie der S.I. ähnlich sein und deren Thesen teilweise übernehmen – keineswegs aber durch den traditionellen politischen Prozess des Beitritts bzw. des Mitläufertums. Der vollauf neue Charakter dieser praktischen Bewegung lässt sich gerade aus dem Einfluss selbst ablesen, der von der S.I. ausgeübt wurde und der überhaupt nichts mit einer Führungsrolle zu tun hat. Alle gauchistischen Tendenzen – inklusive der ‘Bewegung des 22.März’, die in ihrem Trödelladen Leninismus, chinesischen Stalinismus, Anarchismus und sogar ein kleines bisschen missverstandenen ‘Situationismus’ anzubieten hatte – beriefen sich ganz ausdrücklich auf eine lange Vergangenheit der Kämpfe, Beispiele und hundertmal veröffentlichter und ausdiskutierter Doktrinen. Freilich waren diese Kämpfe bzw. Veröffentlichungen von der stalinistischen Reaktion unterdrückt und von den bürgerlichen Intellektuellen vernachlässigt worden. Sie waren jedoch weitaus zugänglicher als die neuartigen Positionen der S.I., die sich nie anders als durch unsere eigenen Veröffentlichungen und neuesten Aktivitäten hatten bekanntmachen können. Wenn die wenigen bekannten S.I.-Dokumente ein solches Gehör gefunden haben, so offensichtlich deshalb, weil ein Teil der fortgeschrittenen praktischen Kritik sich selbst in dieser Sprache erkannte. So ist unsere jetzige Position ziemlich gut dazu geeignet, das zu sagen, was im Mai wesentlich war – sogar in seinem verborgen gebliebenen Teil: die unbewussten Tendenzen der Bewegung der Besetzungen bewusst zu machen. Andere, die lügen, sagen, es hätte bei diesem absurden Ausbruch nichts zu verstehen gegeben; oder sie benutzen den Schirm ihrer Ideologie dazu, um nur wirkliche, aber ältere und weniger wichtige Aspekte als das Ganze zu beschreiben; andere schließlich setzen durch jetzt neue Themen für eine sich selbst verzehrende ‘Fragestellung’ die ‘argumentistische’ Methode fort. Für sie haben sie die großen Zeitungen und die kleinen Freundschaften, die Soziologie und die hohen Auflagen. Wir haben nichts von alledem und unser Recht auf das Wort verdanken wir nur uns selbst. Doch wird das, was jene über den Mai sagen, sich in allgemeiner Gleichgültigkeit entfernen und in Vergessenheit geraten müssen; das dagegen, was wir sagen, letztlich geglaubt und wiederaufgenommen werden.

    Genauso gut wie auf den Mauern ist der Einfluss der situationistischen Theorie auch in der Aktion der Revolutionäre von Nantes und der ‘Wütenden’ von Nanterre zu sehen, die auf eine andere Art und Weise mustergültig sind. In der gesamten Presse ist Anfang 1968 leicht zu erkennen, welche Empörung durch die neuen, von den ‘Wütenden’ eingeführten bzw. systematisch benutzten Aktionsformen hervorgerufen wurde. ‘Nanterre im Schlamm’ wurde zum ‘verrückten Nanterre’, da sich einige ‘Campushalbstarke’ eines Tages einig geworden waren, dass “alles, was fraglich ist, in Frage gestellt werden muss” und da sie das “bekanntmachen” wollten.

    Diejenigen, die damals zusammenkamen und die Gruppe der ‘Wütenden’ bildeten, dachten tatsächlich nicht im voraus daran, Unruhe zu stiften. Diese ‘Studenten’ waren nur zum Schein und wegen des Stipendiums dort. Es geschah nur, dass Schlammwege und Wellblechbaracken ihnen weniger hassenswert zu sein schienen als die Betongebäude, die tölpelhafte Selbstgefälligkeit der Studenten und die Hintergedanken der modernistischen Professoren. Bei der ersteren war für sie immer noch etwas Menschliches übriggeblieben, während sie nur Elend, Langeweile oder Lüge in der kulturellen Nährlösung fanden, in der Lefebvre mit seiner Redlichkeit, Touraine mit seinem Ende des Klassenkampfes, Bouricaud mit seinen Kraftmenschen und Lourau mit seiner Zukunft zusammen planschten. Außerdem kannten sie die situationistischen Thesen und wussten, dass die denkenden Köpfe des Uni-Gettos diese gleichfalls kannten, oft an sie dachten und ihren Modernismus aus ihnen schöpften. Sie beschlossen, dass jedermann das erfahren sollte und beschäftigten sich damit, die Lüge zu entlarven, indem sie es sich vorbehielten, später andere Spielplätze zu finden: rechneten sie doch damit, dass, wenn sie einmal Lügner und Studenten verjagt und die Fakultät zerstört haben würden, das Glück sie zu anderen Begegnungen in anderem Maßstab führen würde und dass dann “Glück und Unglück Gestalt annehmen würden”.

    Durch ihre Vergangenheit, aus der sie kein Hehl machten (die meisten waren frühere Anarchisten, es gab aber auch Surrealisten und einen ehemaligen Trotzkisten), beunruhigten sie schnell diejenigen, mit denen sie zunächst zusammenstießen – die alten gauchistischen Grüppchen, ob Trotzkisten vom C.L.E.R. oder anarchistische Studenten einschließlich Daniel Cohn-Bendit, die alle über den Mangel an Zukunft für die UNEF und die Funktion der Psychologen diskutierten. Ihre Entscheidung, zahlreiche Ausschlüsse ohne unnütze Duldsamkeit durchzuführen, schützte sie vor dem Erfolg, den sie schnell bei ungefähr zwanzig Studenten hatten, sowie vor all denen, die nach einem Situationismus ohne Situationisten ausspähten, in den sie ihre Zwangsvorstellungen und ihr Elend hineintragen könnten. Unter solchen Umständen bestand diese Gruppe, die ab und zu bis zu fünfzehn Mitglieder hatte, meistens aus sechs Agitatoren. Wir haben gesehen, dass es vollkommen genügte.

    Sind heute die Sabotagemethoden, die von den ‘Wütenden’ angewandt wurden, und vor allem die Sabotage der Vorlesungen in den Fakultäten und in den Gymnasien alltäglich geworden, so erregten sie doch damals sowohl die Gauchisten als auch die guten Studenten, so dass die ersteren sogar manchmal Ordner aufstellten, die die Professoren vor niederprasselnden Beschimpfungen und faulen Apfelsinen schützen sollten. Durch Verallgemeinerung des Gebrauchs wohlverdienter Beschimpfungen und der Wandbekritzelung, der Parole eines bedingungslosen Boykotts der Prüfungen, der Verteilung von Flugblättern in den Universitätsräumen und letzten Endes des Skandals ihres alltäglichen Lebens zogen sich die ‘Wütenden’ den ersten Repressionsversuch zu – Riesels und Bogorgnes Vorladung vor den Dekan am 25.Januar; Chevals Ausschluss aus dem Studentenheim Anfang Februar; Bigorgnes Ausweisung (Ende Februar) und Verurteilung zu 5 Jahren Aussperrung aus allen französischen Universitäten (Anfang April). Parallel dazu fingen die Grüppchen an, eine Agitation im engeren politischen Sinne anzustiften und weiterzuentwickeln.

    Doch wurden die alten Affen der Reserve, die sich in der verwickelten Inszenierung ihres ‘Denkens’ verloren hatten, erst spät unruhig. Man musste sie also zwingen, das Gesicht zu verziehen – so z.B. als der vor Wut platzende Morin unter dem Beifall der Studenten ausrief: “Sie haben mich vor einigen Tagen in die Mülleimer der Geschichte zurückgewiesen…” – Zwischenruf: “Wieso bist du denn eigentlich rausgekommen?” – “Ich stehe lieber auf der Seite der Mülleimer als auf der derjenigen, die sie handhaben, und auf jeden Fall lieber auf der Seite der Mülleimer als der Krematorien!’ Oder z.B. der vor Zorn geifernd brüllende Touraine: “Die Anarchisten und noch viel mehr die Situationisten habe ich jetzt satt! Ich bin immer noch derjenige, der hier zu befehlen hat und sollten Sie es eines Tages sein, so würde ich dort hingehen, wo man weiß, was arbeiten heißt!” Erst ein Jahr später sollten die Entdeckungen dieser Vorkämpfer in den Artikeln ihre Anwendung finden, in denen Raymond Aron und Etiemble gegen die Unmöglichkeit jeder Arbeit und den Aufstieg des gauchistischen Totalitarismus bzw. des roten Faschismus protestierten. Vom 26.Januar an bis zum 22.März wurden die Vorlesungen fast pausenlos gewaltsam unterbrochen. So wurde eine permanente Agitation zur Durchführung mehrerer Projekte erhalten, die doch fehlschlugen – Veröffentlichung einer Broschüre Anfang Mai, Eindringung und Plünderung des Verwaltungsgebäudes der Fakultät mit Hilfe von Revolutionären aus Nantes Anfang März. Bevor der Dekan Groppin so viel erleben musste, denunzierte er in einer Pressekonferenz am 28.März “eine Gruppe unverantwortlicher Studenten, die seit einigen Monaten die Vorlesungen stören und Partisanenmethoden in der Fakultät praktizieren … Diese Studenten sind mit keiner bekannten politischen Organisation verbunden. Sie stellen eine Art Sprengstoff in einem sehr empfindlichen Milieu dar.” Was die Broschüre betrifft, so war der Drucker der ‘Wütenden’ nicht so schnell wie die Revolution. Als die Krise vorbei war, verzichtete man auf die Veröffentlichung eines Textes, der den Anschein hätte geben können, eine Prophezeiung nach dem Ergebnis zu sein.

    Aus all dem lässt sich das Interesse der ‘Wütenden’ für den Abend des 22.März erklären, auch wenn sie von vornherein allen anderen Protestierenden misstrauten. Während Cohn-Bendit, der schon ein Stern am Himmel von Nanterre war, mit den am wenigsten Entschlossenen diskutierte, ließen sich die zehn ‘Wütenden’ allein im Raum des Fakultätsrats nieder, in dem sich die zukünftige ‘Bewegung des 22.März’ erst 22 Minuten später an sie anschloss. Es ist jetzt bekannt (vgl. Viénets Buch), wie und warum jene sich aus dieser Farce zurückzogen. Sie sahen außerdem, dass die Polizei nicht kam und dass sie mit solchen Leuten das einzige Ziel nicht erreichen könnten, das sie sich für diese Nacht gesetzt hatten und zwar die vollständige Zerstörung der Prüfungsakten. In den frühen Stunden des 23.März beschlossen sie, fünf von ihnen auszuschließen, die es abgelehnt hatten, den Raum zu verlassen, aus Angst, “sich von den Studentenmassen zu trennen”!

    Es ist freilich witzig festzustellen, dass die Auseinandersetzung mit den doppelzüngigen Denkern der ‘Arguments’-Gang der Mai-Bewegung zugrunde liegt. Indem sie aber den abstoßenden Trupp der vom Staat besoldeten subversiven Denker angegriffen haben, taten die ‘Wütenden’ etwas anderes, als nur einen alten Streit zu erledigen: sie sprachen schon als Bewegung der Besetzungen, indem sie um die wirkliche Besetzung aller von der Lüge beherrschten Sektoren des gesellschaftlichen Lebens durch alle Menschen kämpften. Auf ähnliche Weise zerstörten sie bereits, als sie auf die Betonwände schrieben: “Nehmt eure Wünsche für die Realität!”, die Rekuperationsideologie der von der ‘Bewegung des 22.März’ anmaßend lancierten Formel “Die Phantasie an die Macht”. Tatsächlich – sie hatten Wünsche und die anderen keine Phantasie.

    Im April kamen die ‘Wütenden’ fast nicht mehr nach Nanterre zurück. Der Wunsch nach direkter Demokratie, der durch die ‘Bewegung des 22.März’ zur Schau gestellt wurde, war offensichtlich bei einer so schlechten Gesellschaft nicht durchführbar und sie weigerten sich im voraus, den kleinen Platz einzunehmen, der ihnen als extremistischen Spaßmachern gern links von der lächerlichen ‘Kommission für Kultur und Kreativität’ eingeräumt wurde. Im Gegensatz dazu bedeutete die Wiederaufnahme durch die Studenten von Nanterre – wenn auch zu einem fraglichen anti-imperialistischen Zweck – einiger Agitationsmethoden, dass man damit anfing, die Debatte auf das Gebiet zu bringen, das sie hatten definieren wollen. Das beweisen die Pariser Studenten ebenfalls, die am 3. Mai die Polizei angriffen und dadurch den neusten Missgriff der Universitätsverwaltung erwidert hatten. Über das gewalttätige Warnungsflugblatt, das am 6. Mai mit dem Titel ‘Die Wut im Bauch’ von den ‘Wütenden’ verteilt wurde, empörten sich nur die darin denunzierten Leninisten, so sehr es der wirklichen Bewegung angemessen war; in zwei Tagen Straßenkämpfen hatten die Aufständischen seine Gebrauchsanweisung gefunden. Die autonome Aktivität der ‘Wütenden’ ging genau so konsequent zuende, wie sie begonnen hatte. Sie wurden wie Situationisten behandelt, noch bevor sie in der S.I. waren, da die gauchistischen Rekuperatoren sich von ihnen beeinflussen ließen, wobei sie es für möglich hielten, sie durch ihre eigene Zurschaustellung vor diesen Journalisten zu verschweigen, die selbstverständlich von den ‘Wütenden’ zurückgewiesen worden waren. Das Wort ‘Wütende’ selbst, mit dem Riesel die Bewegung der Besetzungen auf unvergessliche Art geprägt hat, bekam spät und eine Zeitlang eine werbungsmäßige ‘cohn-benditische’ Bedeutung.

    Durch die schnelle Folge der Straßenkämpfe während der ersten zehn Maitage waren die S.I.-Mitglieder, die ‘Wütenden’ und noch einige Genossen gleich zusammengebracht worden. Am 14.Mai, am Tag nach der Besetzung der Sorbonne also, nahm diese Einigkeit Gestalt an, als sie sich zu einem ‘Wütende-S.I.-Komitee’ zusammenschlossen, das am selben Tag mit der Veröffentlichung einiger Dokumente mit dieser Unterschrift begann. Daraus folgte eine breitere Ausdrucksmöglichkeit der situationistischen Thesen innerhalb der Bewegung, wobei es aber nicht darauf ankam, besondere Grundsätze aufzustellen, nach denen wir beansprucht hätten, die wirkliche Bewegung zu gestalten. Indem wir sagten, was wir meinten, sagten wir gleichzeitig, wer wir waren, während so viele andere sich verkleideten, um zu erklären, dass die korrekte Politik ihres Zentralkomitees befolgt werden müsse. An diesem Abend machte sich die Sorbonne-Vollversammlung, die effektiv den Arbeitern offen stand, daran, auf der Stelle ihre Macht zu organisieren und René Riesel, der die radikalsten Positionen über die Organisation selbst der Sorbonne und die totale Ausdehnung des begonnenen Kampfes behauptet hatte, wurde in das erste Besetzungskomitee gewählt. Am 15. schickten die in Paris anwesenden Situationisten ein Rundschreiben ‘An die S.I.-Mitglieder und an die Genossen, die sich mit unseren Thesen einverstanden erklärt haben’ in die Provinz und ins Ausland. In diesem Text wurde der laufende Prozess und dessen mögliche Entwicklungsformen in abnehmender Wahrscheinlichkeitsfolge kurz analysiert – und zwar die Erschöpfung der Bewegung in dem Fall, indem sie sich “auf die Studenten” beschränken würde, “bevor sich die anti-bürokratische Agitation noch weiter ins Arbeitermilieu verbreitet hat”, die Repression oder schließlich die ’soziale Revolution’. Er enthielt auch die Berichterstattung über unsere bisherige Tätigkeit und forderte dazu auf, sofort maximal zu handeln, “um die Agitation bekanntzumachen, zu unterstützen und auszudehnen.” Als unmittelbare Themen für Frankreich schlugen wir dann folgendes vor: ‘die Besetzung der Fabriken’ (die am vorherigen Abend geschehene Besetzung von Sud-Aviation war gerade bekannt geworden); die ‘Bildung von Arbeiterräten; die endgültige Schließung der Universität und die vollständige Kritik aller Entfremdungen.’ Wir wollen daraufhinweisen, dass wir zum ersten Mal seit der Entstehung der S.I. irgendjemanden, selbst diejenigen, die unseren Positionen am nächsten standen, dazu aufforderten, etwas zu tun. Deswegen fand unser Rundschreiben Anklang, vor allem in einigen Städten, in denen sich die Maibewegung am stärksten durchsetzte. Am 16.Mai abends versandte die S.I. ein neues Rundschreiben, in dem wir die weitere Entwicklung im Laufe des Tages darlegten und “eine stärkere Machtprobe” voraussagten. Diese Rundschreibenreihe wurde durch den Generalstreik unterbrochen, aber dann nach dem 20.Mai in einer anderen Form von den Emissären wiederaufgenommen, die das CMDO in die Provinz und ins Ausland schickte.

    In Viénets Buch wird im einzelnen ausgeführt, wie die meisten Mitglieder des Besetzungskomitees der Sorbonne, das von der Vollversammlung am Abend des 15. geschlossen wiedergewählt worden war, auf Zehenspitzen weggingen, wobei sie den Manövern und Einschüchterungsversuchen einer informellen Bürokratie (UNEF, MAU, JCR usw.) nachgaben, die bestrebt war, unterirdisch die Sorbonne wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. So übernahmen die ‘Wütenden’ und die Situationisten am 16. und 17.Mai die Verantwortung für das Besetzungskomitee. Nachdem die Vollversammlung vom 17. schließlich die Handlungen, durch die dieses Komitee sein Mandat ausgeübt hatte, nicht gebilligt hatte – und sie übrigens auch nicht missbilligte, da jede Abstimmung von den Manipulatoren verhindert wurde – erklärten wir sofort, dass wir die ohnmächtige Sorbonne verlassen würden und alle, die um dieses Besetzungskomitee zusammengekommen waren, gingen mit uns. Sie sollten den Kern des Komitees für die Aufrechterhaltung der Besetzungen (CMDO) bilden. Man muss darauf hinweisen, dass das zweite, nach unserem Auszug gewählte Besetzungskomitee identisch mit sich selbst und auf die bekannte ruhmreiche Weise weiter fungierte bis zum Einzug der Polizei im Juni. Nie wieder war die Rede davon, jeden Tag absetzbare Delegierte von der Vollversammlung wiederwählen zu lassen. Dieses Komitee aus Berufspolitikern schaffte sogar sehr schnell die Vollversammlungen ab, die es nur für Ursachen der Unruhe und des Zeitverlustes hielt. Dagegen können die Situationisten ihre Tätigkeit in der Sorbonne allein in der Formel zusammenfassen: “Alle Macht der Vollversammlung”. Deshalb ist es lustig, jetzt von einer situationistischen Macht sprechen zu hören, während diese ‘Macht’ in Wirklichkeit nur darin bestand, immer wieder an das Prinzip der direkten Demokratie gerade hier und überall zu erinnern, unaufhörlich Rekuperatoren und Bürokraten zu denunzieren und von der Vollversammlung zu verlangen, dass sie die Verantwortung auf sich nimmt, indem sie Beschlüsse fasst und alle ihre Beschlüsse vollstreckbar macht.

    Alle Manipulatoren und gauchistischen Bürokraten hatten sich über die konsequente Haltung unseres Besetzungskomitees allgemein entrüstet. Zwar hatten wir in der Sorbonne das Prinzip und die Methoden der direkten Demokratie verteidigt, wir hegten jedoch nur wenig Illusionen über die soziale Zusammensetzung und das allgemeine Bewusstseinsniveau dieser Versammlung. Wir sahen wohl ein, wie paradox das Vorhandensein einer Vertretung war, die entschlossener als ihre Mandanten in ihrer Forderung nach direkter Demokratie war, und ferner, dass es auf die Dauer nicht zu halten war. Wir waren aber vor allem darum bemüht gewesen, die beträchtlichen Mittel, die uns dank der Besetzung der Sorbonne zur Verfügung standen, in den Dienst des beginnenden wilden Streiks zu stellen. So verbreitete das Besetzungskomitee z.B. am 16. um 15 Uhr eine kurze Erklärung, in der “zur sofortigen Besetzung aller Fabriken in Frankreich und zur Bildung von Arbeiterräten” aufgefordert wurde. Alle übrigen Vorwürfe gegen uns waren fast ohne Bedeutung im Vergleich mit dem Skandal, der durch diese ‘verwegene’ Aufforderung aus der Sorbonne überall – außer bei denen, die die Besetzung an der Basis durchgeführt hatten – hervorgerufen wurde. Doch waren in diesem Augenblick schon zwei oder drei Fabriken besetzt, ein Teil der NMPP-Fahrer versuchte, den Zeitungsvertrieb zu blockieren und in den Renault-Werken begannen die Arbeiter mehrerer Werkstätten erfolgreich damit, die Arbeit stillzulegen, wie man zwei Stunden später erfuhr. Es fragt sich, in welcher Eigenschaft Individuen ohne Titel den Anspruch darauf erheben konnten, die Sorbonne zu besetzen, wenn sie die Besitzergreifung allen Eigentums im ganzen Land durch die Arbeiter nicht befürworteten? Unserer Meinung nach stellte eine solche Stellungnahme die letzte Antwort der Sorbonne dar, die auf gleicher Höhe mit der Bewegung stand, die die Fabriken jetzt glücklicherweise ablösten – d.h. auf gleicher Höhe mit der Antwort der Fabriken selbst auf die ersten begrenzten Kämpfe im Quartier Latin. Gewiss widersprach dieser Aufruf nicht den Absichten der Mehrheit derer, die damals in der Sorbonne waren und so viel getan haben, um ihn zu verbreiten. Da die Fabrikbesetzungen um sich griffen, befürworteten übrigens die gauchistischen Bürokraten selbst eine Tatsache, mit der sie sich am Vorabend nicht zu kompromittieren gewagt hatten, obwohl sie ihre Missbilligung der Räte nicht verleugneten. Die Bewegung der Besetzungen brauchte gar nicht von der Sorbonne gebilligt zu werden, um auf andere Betriebe überzugreifen. Abgesehen davon, dass zu dieser Zeit jede Stunde zählte, um alle Fabriken mit der Aktion zu verbinden, die durch einige von ihnen begonnen worden war, während die Gewerkschaften überall versuchten, Zeit zu gewinnen, um die allgemeine Stillegung der Arbeit zu verhindern; dass ferner ein solcher Aufruf von dieser Stelle gleich weit verbreitet wurde – inklusive über Rundfunk -, haben wir es aber vor allem für wichtig gehalten, zusammen mit dem beginnenden Kampf das Maximum zu zeigen, das er sofort anstreben sollte. Die Arbeiter in den Fabriken gingen nicht so weit und bildeten keine Räte; was die Streikenden betrifft, die begannen, in die Sorbonne zu strömen, so fanden sie freilich dort nicht das Vorbild.

    Man kann der Meinung sein, dass dieser Aufruf dazu beigetragen hat, hier und dort einige Perspektiven des radikalen Kampfes zu eröffnen. Auf jeden Fall bleibt er sicherlich eines der Ereignisse dieses Tages, die die größte Furcht eingeflößt haben. Bekanntlich ließ der Ministervorsitzende um 19 Uhr ein Kommuniqué verbreiten, in dem behauptet wurde, dass die Regierung “angesichts verschiedener Versuche, die von extremistischen Gruppen angekündigt bzw. in Gang gesetzt wurden, um eine generalisierte Unruhe zu stiften” alles unternehmen würde, um “den öffentlichen Frieden” und die republikanische Ordnung aufrechtzuerhalten, “sobald es sich herausstellen würde, dass die Universitätsreform als bloßer Vorwand gebraucht wird, um das Land in die Unordnung zu stürzen.” Gleichzeitig wurden 10.000 Reservisten der Gendarmerie zurückberufen. Die ‘Universitatsreform’ war tatsächlich nur ein Vorwand – sogar für die Regierung, die hinter dieser so plötzlich entdeckten ehrenvollen Notwendigkeit ihren Rückzug vor dem Aufstand im Quartier Latin verschleierte.

    Der Rat für die Aufrechterhaltung der Besetzungen, der zunächst die IPN-Gebäude in der Rue d’ Ulm besetzte, tat sein Möglichstes während der weiteren Entwicklung der Krise, zu der übrigens keine der bestehenden organisierten revolutionären Gruppen mehr Nennenswertes beitragen konnte, sobald sich der Streik generalisiert hatte und in der Defensive stehenblieb. Der CMDO, in dem die Situationisten, die Wütenden und 30 bis 60 andere revolutionäre Räte-Anhänger zusammengekommen waren, sorgte für zahlreiche Verbindungen in Frankreich und außerhalb Frankreichs, wobei er sich am Ende der Bewegung besonders damit beschäftigte, Revolutionären anderer Länder deren Bedeutung bekanntzumachen, die durch sie zwangsläufig beeinflusst werden mussten. Er veröffentlichte eine gewisse Anzahl von Plakaten und Dokumenten – mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren bei den wichtigsten von ihnen -, von denen der ‘Bericht über die Besetzung der Sorbonne’ vom 19., ‘Für die Macht der Arbeiterräte’ vom 22. und die ‘Adresse an alle Arbeiter’ vom 30.Mai die wesentlichsten sind. Der CMDO, der von niemandem geführt bzw. für die Zukunft eingespannt worden war, “vereinbarte am 15.Juni, sich aufzulösen… Der CMDO hatte keineswegs versucht, etwas für sich zu erreichen, nicht einmal irgendwie Leute anzuwerben, um dann permanent fortzubestehen. Seine Teilnehmer trennten nicht ihre persönlichen Ziele von den allgemeinen Zielen der Bewegung. Sie waren unabhängige Individuen, die für einen bestimmten Kampf auf einer bestimmten Grundlage und in einem bestimmten Augenblick zusammengekommen waren; nach diesem Kampf wurden sie wieder autonom”(vgl. Viénets Buch). Der Rat für die Erhaltung der Besetzungen war ‘ein Verbindungsmittel – keine Macht’.

    Einige haben uns im Mai und seither vorgeworfen, alle kritisiert und damit die Aktivität der Situationisten als die einzig annehmbare dargestellt zu haben. Das ist falsch. Wir haben die Bewegung der Massen in ihrer ganzen Tiefe sowie die beachtlichen Initiativen von mehreren zehntausend Individuen gebilligt. Wir haben weiterhin die Aktivitäten einiger revolutionärer Gruppen, die wir z.B. in Nantes und Lyon kennengelernt haben, gebilligt, sowie die Handlungen all derer, die mit dem CMDO in Kontakt standen. Aus den von Viénet angeführten Dokumenten wird außerdem ganz klar, dass wir teilweise manche Erklärungen der Aktionskomitees ebenfalls billigen. Gewiss hätten wir vielen Gruppen oder Komitees zugestimmt, die uns während der Krise unbekannt geblieben sind, wenn wir die Gelegenheit gehabt hätten, über sie Bescheid zu wissen; es liegt um so mehr auf der Hand, dass wir sie gar nicht kritisieren konnten, da wir sie nicht kannten. Wenn das einmal gesagt worden ist; so ist es immerhin erstaunlich, wenn man von uns in dem Fall der kleinen gauchistischen Parteien und der ‘Bewegung des 22.März’ irgendeine höfliche Billigung erwartet, obwohl man unsere früheren Positionen kennt und die Aktivität der betreffenden Leute während dieser Periode feststellen kann.

    Genauso wenig haben wir behauptet, dass bestimmte Aktionsformen der Bewegung der Besetzungen – außer vielleicht dem Gebrauch der kritischen ‘Comix’ – eine direkte situationistische Herkunft hatten. Im Gegenteil sind sie unserer Meinung nach alle aus den ‘wilden’ Arbeiterkämpfen erwachsen, die wir seit mehreren Jahren in einigen Nummern unserer Zeitschrift bei ihrer jeweiligen Entstehung erwähnt haben, wobei wir genau angaben, woher sie kamen. Als erste haben die Arbeiter das Gebäude einer Zeitung gestürmt, um gegen die verfälschten Informationen über ihre Aktion zu protestieren (Lüttich 1961); die Wagen in Brand gesteckt (Merlebach 1962); damit angefangen, die Parolen der neuen Revolution auf die Wände zu schrieben (so z.B. ‘Hier endet die Freiheit’ auf eine Wand der Rhodiaceta-Fabrik 1967). Dagegen kann man darauf als auf ein offensichtliches Vorspiel zur Aktivität der Wütenden hinweisen, dass zum ersten Mal am 26.Oktober 1966 in Strassburg ein Universitätsprofessor angegriffen und aus seinem Lehrstuhl verjagt wurde – das musste der Kybernetiker Abraham Moles tatsächlich bei seiner Eröffnungsvorlesung von den Situationisten erleiden.

    Alle Texte, die wir während der Bewegung der Besetzungen veröffentlicht haben, zeigen, dass die Situationisten nie Illusionen über die Chancen ihres vollständigen Erfolgs verbreitet haben. Wir waren uns bewusst, dass diese objektiv mögliche und notwendige revolutionäre Bewegung einen sehr niedrigen Ausgangspunkt hatte: als spontane und zerstückelte, um ihre eigene Vergangenheit und die Totalität ihrer Ziele nicht wissende Bewegung, tauchte sie nach einem halben Jahrhundert des Niederwerfens wieder auf, und trat ihren immer noch fest im Sattel sitzenden Besiegern, den Bürokraten und den Bourgeois gegenüer. Die Revolution hatte unserer Meinung nach nur eine sehr schwache Möglichkeit, zwischen dem 17. und dem 30.Mai dauerhaft zu siegen. Da aber diese Chance vorhanden war, haben wir sie als das Maximum aufgezeigt, das von einem bestimmten Punkt der Krise an auf dem Spiel stand, und das es sicherlich wert war, aufs Spiel gesetzt zu werden. Schon die Bewegung war für uns, was auch immer später passieren mochte, ein großer historischer Sieg und wir waren der Meinung, dass nur die Hälfte dessen, was schon passiert war, ein sehr bedeutungsvolles Ereignis gewesen wäre.

    Niemand kann bestreiten, dass die S.I. – damit gleichfalls im Gegensatz zu allen Grüppchen – jede Propaganda für sich abgelehnt hat. Weder schwang der CMDO die ’situationistische Fahne’ noch sprach ein einziger unserer damaligen Texte von der S.I., außer dem, in dem wir Barjonets zynische Aufforderung zur gemeinsamen Front am Tag nach der Charléty-Demonstration erwiderten. Unter den vielfältigen für die Werbung benutzten Abkürzungsbuchstaben der Gruppen, die sich als zur Führung berufen betrachten, hat man auf den Pariser Mauern keine einzige Parole mit dem ‘S.I.’-Kennzeichen sehen können – obwohl zu dieser Zeit unsere Anhänger diejenigen waren, die in Paris im wesentlichen das Regiment führten.

    Unserer Meinung nach – und diese Meinung wollen wir in erster Linie den Genossen in anderen Ländern darlegen, die eine derartige Krise auch kennen werden – zeigen diese Beispiele das, was einige im wesentlichen kohärente Individuen in der ersten Phase der wiederauftauchenden revolutionären proletarischen Bewegung tun können. Im Mai gab es in Paris nur etwa zehn Situationisten und Wütende und überhaupt keinen im übrigen Frankreich. Dank der glücklichen Vereinigung der spontanen revolutionären Improvisation und der Art Nimbus von Sympathie, der um die S.I. herum vorhanden war, wurde es aber möglich, eine breitere Aktion nicht nur in Paris selbst, sondern auch in mehreren Großstädten zu koordinieren, als ob es sich um eine schon auf nationaler Ebene vorhandene Organisation gehandelt hätte. Noch breiter als diese spontane Organisation selbst wurde eine Art undeutliche und geheimnisvolle situationistische Drohung in vielen Orten empfunden und denunziert: ihre Träger waren einige hundert, vielleicht sogar einige tausend Individuen, die von den Bürokraten und den Gemäßigten ‘Situationisten’ genannt wurden – und öfters noch ‘Situs’, in der Volksbenennung, die zu dieser Zeit entstand. Wir halten uns dadurch für geehrt, dass dieses Wort ‘Situ’, das anscheinend seine herabsetzende Herkunft in der Sprache gewisser Studentenkreise in der Provinz hat, nicht nur dazu benutzt wurde, um die extremistischsten Teilnehmer an der Bewegung der Besetzungen zu kennzeichnen, sondern auch etwas in sich hatte, was nach Vandale, Dieb und Halbstarkem klang.

    Wir glauben nicht, dass wir es vermieden haben, Fehler zu begehen. Wir wollen sie hier aufzählen, damit die Genossen, die sich eventuell später in einer ähnlichen Lage befinden können, aus ihnen lernen.

    Auf der Rue Gay-Lussac, auf der wir uns als kleine, spontan zusammengekommene Gruppe wiedergefunden haben, sind jeder dieser Gruppen zig Bekannte begegnet – bzw. Leute, die uns nur vom Sehen kannten und zu uns kamen, um zu reden. Dann entfernte sich jeder in der wunderschönen Unordnung dieses ‘befreiten Viertels’ zu dieser ‘Grenze’ oder jener Verteidigungsvorbereitung hin, lange bevor die Polizisten zum unvermeidlichen Angriff übergegangen waren. So dass nicht nur alle diese Leute mehr oder weniger isoliert geblieben sind, sondern auch unsere Gruppen selbst nicht zusammenkommen konnten. Es war also ein schwerer Fehler von uns, nicht alle gleich dazu aufgefordert zu haben, zusammenzubleiben. In weniger als einer Stunde wäre eine so handelnde Gruppe stetig angewachsen und sie hätte alle diese Barrikadenkämpfer zusammengebracht, die wir irgendwie kannten – unter denen jeder von uns mehr Freunde wiedertraf als man zufällig im Laufe eines Jahres in Paris treffen kann. So konnte eine Truppe von zwei bis dreihundert Leuten zusammengestellt werden, die sich untereinander kannten und gemeinsam handelten, was in diesem zersplitterten Kampf gerade am meisten gefehlt hat. Zweifellos war dieser Kampf durch das zahlenmäßige Verhältnis zu den das Viertel umzingelnden Kräften, die ungefähr dreimal so groß wie die der Aufständischen waren, ohne überhaupt von der Überlegenheit der Bewaffnung zu sprechen, sowieso zum Misserfolg verurteilt. Durch eine solche Gruppe hätte man aber einen gewissen freien Spielraum schaffen können, sei es durch irgendeinen Gegenangriff an einem bestimmten Punkt des angegriffenen Geländes, sei es durch den Bau weiterer Barrikaden am östlichen Teil der Rue Mouffetard (einer Zone, die bis sehr spät in die Nacht hinein von der Polizei ziemlich schlecht beherrscht wurde), um den Rückzug derer zu ermöglichen, die in dem Netz gefangen waren (einige Hundert konnten nur durch Zufall einen unsicheren Zufluchtsort in der Ecole Normale Supérieure finden).

    Unter den Umständen und bei der damaligen Unterstützung haben wir im Besetzungskomitee der Sorbonne ungefähr alles getan, was wir tun konnten. Man kann uns nicht vorwerfen, nicht mehr getan zu haben, um den Baustil dieses traurigen Gebäudes zu verändern, das wir uns nicht einmal ganz angesehen haben. Zwar gab es immer noch eine verschlossene Kapelle, aber eines unserer Plakate – wie auch Riesel in seiner Intervention bei der Vollversammlung am 14.Mai – rief die Besetzenden dazu auf, sie schnellstens zu zerstören. Andererseits ist ‘Radio-Sorbonne’ – der Sorbonner ‘Sender’ – keineswegs ein Sender und man kann uns also nicht dafür tadeln, ihn nicht gebraucht zu haben. Selbstverständlich haben wir am 17.Mai weder ins Auge gefasst, das Gebäude in Brand zu stecken noch Vorbereitungen dafür getroffen, wie damals nach einigen obskuren Verleumdungen der Grüppchen ein Gerücht umging: die Tagesangabe genügt, um zu zeigen, dass ein solches Vorhaben unpolitisch gewesen wäre. Wir haben uns auch nicht mit verstreuten Einzelheiten beschäftigt, für wie wichtig man sie auch immer halten mag, es ist also reine Einbildung von Jean Maitron, dass ‘Küche und Restaurant der Sorbonne… bis zum Juni unter der Kontrolle der Situationisten geblieben sind. Sehr wenige Studenten unter ihnen, aber viele arbeitslose Jugendliche” (vgl. ‘Die Sorbonne, dargestellt durch sich selbst, S.114, Editions Ouvrières 1968). Folgenden Irrtum müssen wir uns jedoch selbst vorwerfen: die Genossen, die damit beauftragt waren, Flugblätter und Erklärungen des Besetzungskomitees zum Drucker zu bringen, haben vom 16.Mai 17 Uhr an die Unterschrift ‘Besetzungskomitee der Sorbonne’ durch ‘Besetzungskomitee der autonomen Volksuniversität der Sorbonne’ ersetzt und keiner hat das gemerkt. Das war bestimmt ein ziemlich bedeutender Rückfall, denn für uns war die Sorbonne nur als ein durch die revolutionäre Bewegung beschlagnahmtes Gebäude von Interesse, während diese neue Unterschrift glauben ließ, dass wir den Anspruch dieses Ortes anerkennen würden, weiter als Universität zu bestehen, und sei sie auch eine ‘autonome Volksuniversität’ – etwas also, das wir auf jeden Fall verachten und dessen scheinbare Billigung in einem solchen Augenblick um so schlimmer war. Ein weniger wichtiger Flüchtigkeitsfehler wurde am 17.Mai begangen, als ein von Arbeitern an der Basis der Renault-Werke verfasstes Flugblatt mit der Unterschrift des ‘Besetzungskomitee’ verbreitet wurde. Zwar hatte das Besetzungskomitee gut daran getan, diesen Arbeitern ohne jede Zensur Ausdrucksmittel zur Verfügung zu stellen, es musste aber präzisiert werden, dass dieser Text von ihnen verfasst und vom Besetzungskomitee nur herausgebracht worden war. Das um so mehr, als diese Arbeiter, die dazu aufforderten, den ‘Marsch auf die Renault-Werke’ fortzusetzen, zu dieser Zeit immer noch das mystifizierende Argument der Gewerkschaften akzeptierten über die Notwendigkeit, die Fabriktore geschlossen zu halten, damit die Polizei deren Öffnung nicht zum vorteilhaften Vorwand nähme, um anzugreifen.

    Der CMDO hat es seinerseits vergessen, bei jeder seiner Veröffentlichungen zu erwähnen, dass sie ‘von streikenden Arbeitern gedruckt’ worden waren, was gewiss als beispielhaft gewirkt hätte, in vollkommener Übereinstimmung mit den darin angedeuteten Theorien und eine ausgezeichnete Antwort auf den üblichen Gewerkschaftsstempel der Pressedruckereien gewesen wäre. Ein noch ernstlicherer Irrtum: während wir das Telefon hervorragend benutzt haben, haben wir die Möglichkeit einer Anwendung der Fernschreiber vollkommen vernachlässigt, die es doch ermöglicht hätten, zahlreiche im ganzen Land besetzte Fabriken und Gebäude zu erreichen und Informationen in ganz Europa zu versenden. Seltsamerweise haben wir das brauchbare Netz der Sternwarten vernachlässigt, das uns wenigstens von der in Meudon besetzten Sternwarte aus zugänglich war.

    Wenn es darüberhinaus darauf ankommt, ein Urteil über das Wesentliche zu fällen, und wir alle verschiedenen Handlungen der S.I. zusammengenommen betrachten, sehen wir nicht, weshalb sie Tadel verdient hätten.

    Führen wir jetzt die hauptsächlichen Resultate an, die durch die Bewegung der Besetzungen bisher erzielt wurden. In Frankreich ist sie zwar besiegt, aber keineswegs niedergeworfen worden. Das ist zweifellos der bemerkenswerteste Punkt, der für die Praxis am interessantesten ist. Anscheinend war bisher nie eine so schwerwiegende soziale Krise zuende gegangen, ohne dass die Repression ihr folgt und mehr oder weniger dauerhaft die revolutionäre Strömung schwächt – sozusagen eine Art Gegenschlag, auf den diese sich als auf den Preis für das historische Experiment, die sie zutage gebracht hat, gefasst machen muss. Bekanntlich wurden keine eigentlich politischen Unterdrückungsmaßnahmen aufrechterhalten, obwohl natürlich einige hundert Aufständische – außer den vielen auf dem Verwaltungsweg ausgewiesenen Ausländern – in den folgenden Monaten wegen sogenannter ‘gemeinrechtlicher’ Delikte verurteilt wurden (obwohl mehr als ein Drittel der CMDO-Mitglieder bei den verschiedenen Zusammenstößen festgenommen worden war, fiel keines in diese Kategorie, nachdem der Rückzug des CMDO Ende Juni sehr gut durchgeführt worden war). Alle politischen Verantwortlichen, die am Ende der Krise der Festnahme nicht entgehen konnten, sind nach einigen Wochen Haft wieder auf freien Fuß gesetzt worden und keiner wurde vor Gericht gebracht. Die Regierung musste sich zu diesem neuen Rückzug entscheiden und zwar nur, um einen scheinbar ruhigen Universitätsbeginn und Scheinprüfungen im Herbst 1968 durchzuführen; der Druck, der allein vom Aktionskomitee der Medizinstudenten ausgeübt wurde, genügte, um dieses wichtige Zugeständnis schon Ende August zu erkämpfen.

    Durch ihren Umfang hat die revolutionäre Krise das ernstlich aus dem Gleichgewicht gebracht, “was frontal angegriffen wurde.. und zwar die gut funktionierende kapitalistische Wirtschaft” (Viénet). Sicherlich nicht wegen der ganz und gar erträglichen allgemeinen Lohnerhöhung und nicht einmal wegen der vollständigen Stillegung der Produktion während mehrerer Wochen, sondern vor allem deshalb, weil die französische Bourgeoisie ihr Vertrauen zur Stabilität des Landes verloren hat. Daraus – zusammen mit den anderen Aspekten der aktuellen Währungskrise des internationalen Tauschhandels – folgte eine massive Kapitalflucht und die schon im November entstandene Krise des Franc (die Devisenvorräte sind von 30 Milliarden Franc im Mai 1968 auf 18 Milliarden ein Jahr später gesunken). Nach der verschobenen Abwertung am 8. August 1969 begann ‘Le Monde’ am folgenden Tag wahrzunehmen, dass “wie der General so auch der Franc im Mai ‘gestorben’ war”.

    Das ‘gaullistische’ Regime stellte eine wirklich geringfügige Einzelheit innerhalb dieser allgemeinen Infragestellung des modernen Kapitalismus dar. Auch der Macht de Gaulles ist jedoch im Mai der Todesstoß versetzt worden. Trotz seines Wiederaufkommens im Juni – das, wie wir schon sagten, objektiv leicht war, da der wirkliche Kampf anderswo verloren worden war – konnte de Gaulle als der Verantwortliche für den Staat, der die Bewegung der Besetzungen überlebt hatte, unmöglich den Fleck entfernen, verantwortlich für den Staat gewesen zu sein, der den Skandal ihrer Existenz hatte erdulden müssen. De Gaulle, der nur durch seinen persönlichen Stil das gesamte Geschehen deckte, wobei diese Entwicklung nichts anderes als die normale Modernisierung der kapitalistischen Gesellschaft war, hatte durch Prestige herrschen wollen. Im Mai war sein Prestige aber endgültig gedemütigt worden, was sowohl subjektiv von ihm selbst empfunden als auch objektiv von der herrschenden Klasse und von den Wählern, die endlos für sie stimmten, festgestellt wurde.

    Die französische Bourgeoisie sucht nach einer rationelleren, weniger launenhaften und träumerischen Form der politischen Macht, die sie auch auf klügere Art vor den neuen Drohungen schützen kann, deren plötzliches Auftauchen sie bestürzt festgestellt hat. De Gaulle wollte den nachhaltigen Alptraum, ‘die letzten Mai-Gespenster’ vertilgen, indem er am 27.April das am 24.Mai angekündigte Referendum gewinnt, das in derselben Nacht durch den Aufstand rückgängig gemacht worden war. Die ‘feste Macht’, die damals gestolpert ist, spürte wohl, dass sie ihr Gleichgewicht nicht wiedergefunden hatte, und sie bestand unvorsichtigerweise darauf, durch den Ritus einer erneuten künstlichen Zustimmung schnell beruhigt zu werden. Die Parolen der Demonstranten vom 13. Mai 1968 sind bestätigt worden: De Gaulle hat seinen 11. Jahrestag nicht erreicht – sicherlich nicht dank der bürokratischen bzw. pseudo-reformistischen Opposition, sondern weil man am folgenden Tag sehen konnte, wie die Rue Gay-Lussac unmittelbar zu allen Fabriken Frankreichs führte.

    Eine generalisierte Unruhe, die alle Einrichtungen an der Wurzel infragestellt, herrscht in den meisten Fakultäten und vor allem in den Gymnasien vor. Konnte der Staat, indem er sich auf das Dringendste beschränkte, das Unterrichtsniveau in den wissenschaftlichen Lehrfächern und in den Spezialhochschulen ungefähr retten, so wurde dagegen das Schuljahr 1968-1969 gänzlich verloren und die Diplome sind praktisch entwertet, obwohl die Mehrheit der Studenten immer noch weit davon entfernt ist, sie zu verachten. Auf die Dauer lässt sich eine solche Situation mit der normalen Entwicklung eines hochindustrialisierten Landes nicht vereinbaren und sie leitet den Abfall in die Unterentwicklung ein, indem sie einen ‘Engpass’ im Gymnasialunterricht schafft. Wenn auch die extremistische Strömung praktisch nur eine enge Basis unter den Studenten hat, sieht es doch so aus, als ob sie kräftig genug ist, um einen ständigen Verfallsprozess aufrechtzuerhalten. Ende Januar z.B. haben die Besetzung und Plünderung des Sorbonne-Rektorats, sowie zahlreiche andere ernstliche Vorfälle seit dieser Zeit gezeigt, dass die bloße Aufrechterhaltung eines Pseudounterrichts die Kräfte der Aufrechterhaltung der Ordnung beträchtlich beunruhigt.

    Durch die sporadische Agitation in den Fabriken, deren Arbeiter den wilden Streik kennengelernt haben und in denen mehr oder weniger bewusst den Gewerkschaften feindlich gesinnte radikale Gruppen Wurzeln gefasst haben, entstehen trotz der Bemühungen der Bürokraten zahlreiche Streiks, die leicht immer konzentriertere Betriebe lahmlegen, die wegen der verschiedenen Arbeitsverfahren immer mehr voneinander abhängig sind. Durch diese Erschütterungen wird jeder daran erinnert, dass der Boden in den Betrieben immer noch locker ist und dass die modernen Ausbeutungsformen im Mai zugleich die Gesamtheit ihrer vereinigten Mittel und ihre neue Gebrechlichkeit erkennen lassen haben.

    Nachdem der alte orthodoxe Stalinismus angefressen war (was sogar aus dem Stimmenverlust der CGT bei den letzten Berufswahlen herauszulesen ist), erschöpfen sich jetzt die kleinen gauchistischen Parteien durch unglückliche Manöver: fast alle hätten gern mit dem Mai-Prozess wieder mechanisch angefangen, um ihre damaligen Fehler noch einmal zu begehen. Sie haben leicht die übriggebliebenen Aktionskomitees unterwandert und die Aktionskomitees sind zwangsläufig verschwunden. Die kleinen gauchistischen Parteien selbst spalten sich in zahlreiche feindliche Nuancen, wobei jede starr an einer Dummheit festhält, die ruhmreich alle die ihrer Rivalen ausschließt. Zweifellos sind die seit Mai zahlreich gewordenen radikalen Elemente immer noch vereinzelt, vor allem in den Fabriken. Die Kohärenz, zu der sie gelangen müssen, wird immer noch entweder durch ehemalige Illusionen, Geschwätz oder sogar manchmal durch eine ungesunde, einseitige ‘pro-situationistische’ Bewunderung verdorben, da sie es nicht verstanden haben, eine echte autonome Praxis zu organisieren. Für sie ist der einzige Weg, der offensichtlich ein schwieriger und langer ist, die Bildung von Räte-Organisationen revolutionärer Arbeiter, die sich auf der einzigen Grundlage der totalen Demokratie und der totalen Kritik zusammenzuschließen. Ihre erste theoretische Aufgabe besteht darin, die letzte Form der Ideologie zu bekämpfen und zu widerlegen, die die alte Welt ihnen entgegensetzen wird: und zwar die Räte-Ideologie, von der z.B. eine erste große Form am Ende der Mai-Krise von der in Toulouse tätigen Gruppe ‘Révolution Internationale’ ausgedrückt wurde. Diese schlug ganz einfach vor – man weiß übrigens nicht wem – Arbeiterräte zu wählen, die über den Vollversammlungen stehen, denen somit nicht anderes übrigbleiben würde, als die Taten dieser weisen revolutionären Neo-Führung zu billigen. Dieses leninistisch-jugoslawische Ungeheuer, das seither von der ‘Trotzkistischen Organisation’ von Lambert wiederaufgenommen wurde, mutet heutzutage fast genauso seltsam an wie der Gebrauch des Ausdrucks ‘direkte Demokratie’ durch die Gaullisten, als sie für den ‘Dialog’ des Referendums schwärmten. Als einzige Räte wird die nächste Revolution nur die souveränen Vollversammlungen an der Basis, in den Betrieben und den Vierteln anerkennen, sowie ihre Delegierten, die zu jeder Zeit absetzbar sein und nur von ihnen abhängen werden. Eine Räteorganisation wird niemals ein anderes Ziel verfolgen: sie muss die handelnde Ausdrucksform einer Dialektik sein, die über die erstarrten und einseitigen Formen des Spontaneismus und der offen bzw. heimlich bürokratisierten Organisation hinausgeht. Sie muss eine Organisation sein, die auf revolutionäre Weise auf die Räterevolution hinzielt – eine Organisation, die nach der Eröffnung des Kampfes weder auseinandergeht noch zur Institution wird.

    Diese Perspektive bleibt nicht auf Frankreich beschränkt, sondern sie ist international. Sie stellt den totalen Sinn der Bewegung der Besetzungen dar, der überall verstanden werden muss, wie ihr Beispiel im Jahre 1968 ernstliche Unruhen in Europa, Amerika und Japan entfacht bzw. zu einer höheren Stufe gebracht hat. Unter den unmittelbaren Maifolgen waren die bemerkenswertesten die blutige Revolte der mexikanischen Studenten, die in relativer Isolierung niedergeworfen werden konnte, und die Bewegung der jugoslawischen Studenten gegen die Bürokratie und für die proletarische Selbstverwaltung, die die Arbeiter teilweise mitriss und Titos Regime stark gefährdete. Dort aber kam die russische Intervention in die Tschechoslowakei dem Regime mehr zu Hilfe als die von der herrschenden Klasse laut verkündeten Zugeständnisse: sie ermöglichten es ihm, das ganze Land zusammenzubringen, indem es die eventuelle Invasion einer fremden Bürokratie befürchten ließ. Die Polizei in verschiedenen Ländern beginnt, die Hand der neuen Internationale zu denunzieren, und sie glaubt die Weisungen französischer Revolutionäre sowohl in Mexiko im Sommer 1968 als auch in Prag während der anti-russischen Demonstration vom 28. März 1969 zu entdecken, während die Regierung Francos seine Zuflucht zum Ausnahmezustand am Anfang dieses Jahres ausdrücklich dadurch rechtfertigte, dass die Unruhen in den Universitäten sich womöglich zu einer Krise französischen Typs entwickeln könnten. Seit langem erlebte England wilde Streiks und eines der Hauptziele der Labourregierung war selbstverständlich ihr Verbot; es steht aber außer Zweifel, dass Wilson durch das erste Experiment eines allgemeinen wilden Streiks dahin gebracht wurde, schnell und verbissen noch dieses Jahr eine Gesetzgebung zur Unterdrückung dieser Art Streiks zu erkämpfen. Dieser Karrieremacher hat jedoch nicht gezögert, mit dem ‘Castle-Projekt’ seine Karriere und die Einheit selbst der politisch-gewerkschaftlichen Labour-Bürokratie zu riskieren, da die Gewerkschaften, obwohl sie unmittelbare Feinde des wilden Streiks sind, doch Angst davor haben, ihre ganze Bedeutung einzubüßen, indem sie jede Kontrolle über die Arbeiter verlieren, sobald sie dem Staat das Recht darauf überlassen, ohne ihre Vermittlung gegen die wirklichen Formen des Klassenkampfes einzugreifen. Und am 1.Mai sollte der antigewerkschaftliche Streik von 100.000 Setzern, Hafen- und Metallarbeitern gegen das sie bedrohende Gesetz zum ersten Mal seit 1926 einen politischen Streik in England zeigen – wie billig tauchte diese Form des Kampfes unter einer Labour-Regierung wieder auf.

    Wilson kam in Verruf, als er auf sein wertestes Projekt verzichten musste und der gewerkschaftlichen Polizei die Sorge dafür wiedergab, selbst die wilden Streiks zu unterdrücken, die von nun an 95% aller Streiks in England ausmachen. Im August hat der wilde Streik, der nach acht Wochen von den Gießern der Port-Talbot Stahlwerke gewonnen wurde, “bewiesen, dass die TUC-Führung für diese Rolle doch nicht ausgerüstet ist” (’Le Monde’ vom 30.8.69).

    Wir erkennen recht gut den neuen Ton, in dem ab jetzt auf der ganzen Welt eine radikale Kritik der alten Gesellschaft den Krieg erklärt – von der extremistischen mexikanischen Gruppe ‘Caos’, die im Sommer 1968 zur Sabotage der Olympischen Spiele und der ’spektakulären Konsumgesellschaft’ aufforderte bis zu den Parolen auf den Mauern Englands und Italiens; von dem Schrei bei einer Demonstration in der Wall Street – laut AFP vom 12.April – :”Stop the Show!” in dieser amerikanischen Gesellschaft, auf deren ‘Niedergang und Fall’ wir 1965 hinwiesen und deren Verantwortliche jetzt selbst zugestehen müssen, sie sei eine ‘kranke Gesellschaft’, bis hin zu den Veröffentlichungen bzw. Handlungen der ‘Acratas’ in Madrid.

    In Italien konnte die S.I. schon Ende 1967 – zur Zeit also, als die Besetzung der Universität von Turin eine breite Bewegung initiierte – gewissermaßen der revolutionären Strömung Hilfe leisten, sowohl mit einigen schlechten aber schnell vergriffenen Basistexten (bei Feltrinelli und De Donato), als auch durch die radikale Aktion einiger Individuen, auch wenn die aktuelle italienische S.I.-Sektion formell erst im Januar 1969 gebildet wurde. Die langsame Entwicklung seit 22 Monaten der italienischen Krise – das, was ‘der kriechende Mai’ genannt wurde – war zunächst 1968 in der Bildung einer ‘Studentenbewegung’ versumpft, die noch viel rückständiger als die französische und noch dazu isoliert war – mit der einzigen, beispielhaften Ausnahme der Besetzung des Rathauses in Orgosolo in Sardinien durch die vereinigten Studenten, Hirten und Arbeiter. Die Arbeiterkämpfe selbst setzten aber langsam an, und sie wurden 1969 stärker trotz der Bemühungen der stalinistischen Partei und der Gewerkschaften, die sich damit erschöpften, diese Drohung zu zerstückeln, indem sie eintägige Streiks je Arbeiterkategorie auf nationaler Ebene bzw. eintägige Generalstreiks je Provinz bewilligten. Anfang April brachte der Aufstand in Battipaglia, dem die Meutereien in den Gefängnissen von Turin, Mailand und Genua folgten, die Krise auf eine höhere Ebene, und er beschränkte den Spielraum für die Manöver der Bürokratie noch mehr. Nachdem die Polizei in Battipaglia geschossen hatte, sind die Arbeiter mehr als 24 Stunden lang Herren der Stadt geblieben, sie haben von Waffen Besitz ergriffen, die in ihre Kasernen geflüchteten Polizisten belagert und zur Übergabe aufgefordert und Straßen und Eisenbahnlinien gesperrt. Als die massiv zur Verstärkung angekommenen Carabineri die Stadt und die Verkehrslinien wieder unter Kontrolle hatten, war der entworfene Rat in Battipaglia immer noch vorhanden und er behauptete, den Gemeinderat zu ersetzen und die direkte Macht der Einwohner über ihre eigenen Angelegenheiten auszuüben. Wenn die von den Bürokraten geleiteten Demonstrationen zur Unterstützung in ganz Italien ohne Wirkung blieben, so ist es zumindest den revolutionären Elementen in Mailand gelungen, diese Bürokraten gewaltsam anzugreifen und die Stadtmitte zu verwüsten, wobei es zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei kam. Bei dieser Gelegenheit haben die italienischen Situationisten auf passendste Weise die französischen Methoden übernommen.

    In den darauffolgenden Monaten haben die ‘wilden’ Bewegungen in den Fiat-Werken und unter den Arbeitern Norditaliens noch mehr als die vollendete Auflösung der Regierung gezeigt, wie nahe Italien einer modernen revolutionären Krise steht. Die Art und Weise, wie im August die wilden Streiks in den Pirelli-Werken in Mailand und in den Fiat-Werken in Turin verlaufen sind, deutet auf einen kurz bevorstehenden, totalen Zusammenstoß hin.

    Man wird leicht verstehen, aus welchen Gründen wir vor allem bisher hier das Problem der allgemeinen Bedeutung der neuen revolutionären Bewegungen und das ihrer Beziehungen zu S.I.-Thesen zusammen behandelt haben. Früher bedauerten diejenigen, die bereit waren, einige Punkte unserer Theorie als interessant anzuerkennen, dass wir selbst deren gesamte Wahrheit von der Rückkehr der sozialen Revolution abhängig machten, und sie hielten diese letzte ‘Hypothese’ für unglaubwürdig. Dagegen stellten einige Aktivisten, die zwar auf Leerlauf gestellt waren, sich aber dessen rühmten, für jede aktuelle Theorie unempfindlich zu sein, folgende schwachsinnige Frage über die S.I.: “Was hat sie für eine Praxis?” Da sie unfähig waren, den dialektischen Prozess der Begegnung zwischen der wirklichen Bewegung und ‘ihrer eigenen unbekannten Theorie’ überhaupt zu verstehen, wollten alle das vernachlässigen, was sie für eine Kritik ohne Waffen hielten. Jetzt bewaffnet sie sich. Den “Anfang der, ein Blitz, in einem Male das Gebilde der neuen Welt hinstellt” haben wir in diesem französischen Mai erlebt, als die rote und die schwarze Fahne der Arbeiterdemokratie verbunden waren. Die Fortsetzung wird kommen. Wenn wir gewissermaßen der Rückkehr dieser Bewegung unseren Namen aufgeprägt haben, so nicht deshalb, weil wir irgendein Moment davon bewahren oder uns dadurch irgendeine Autorität verschaffen wollten. Von jetzt an sind wir sicher, dass unsere Aktivität zu einem zufriedenstellenden Ende führt: die S.I. wird aufgehoben werden.