Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit, im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichsten Spitze zusammengefaßt sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Bewußtsein dieses Verlustes gewonnen hat, sondern auch unmittelbar durch die nicht mehr abzuweisende, nicht mehr zu beschönigende, absolut gebieterische Not – den praktischen Ausdruck der Notwendigkeit – zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen […]. Es kann sich aber nicht selbst befreien, ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben. Es kann seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, die sich in seiner Situation zusammenfassen, aufzuheben. […] Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.1
[D]iese Seite des Verhältnisses von Kapital und Arbeit [ist] ein wesentliches Zivilisationsmoment.2
Für eine Gesellschaft von Warenproduzenten, deren allgemein gesellschaftliches Produktionsverhältnis darin besteht, sich zu ihren Produkten als Waren, also als Werten, zu verhalten und in dieser sachlichen Form ihre Privatarbeiten aufeinander zu beziehn als gleiche menschliche Arbeit, ist das Christentum mit seinem Kultus des abstrakten Menschen […] die entsprechendste Religionsform.3
1.
Wir leben in einer Zeit langanhaltender ökologischer Krisen, die paradoxerweise schwerfällig und geschmeidig, zielgerichtet und sprunghaft sind. Diese Krisen erscheinen als die Krise des Weiterbestands menschlichen Lebens auf einem gekränkten, niedergeschlagenen Planeten, sind aber letztlich die Krise der kapitalistischen Produktionsweise. Das Kapital hat eine Welt nach seinem Ebenbild erschaffen.
2.
Die Verhältnisse, die den Stoffwechsel zwischen diesen beiden großen Quellen des Reichtums – menschliche Arbeit und materielle Natur – vermitteln, brechen zusammen. Tatsächlich formen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse den Kern dieser Unterteilung durch die sowohl »menschliche Arbeit« als auch »materielle Natur« als natürliche Existenzbedingungen erscheinen, sowohl die Voraussetzungen als auch die Ergebnisse der Produktion.
3.
Es ist der Zusammenbruch dieses Verhältnisses, der das Kapital selbst als sich bewegenden Widerspruch zwischen Humanisierung und Dehumanisierung offenbart, einen Widerspruch zwischen Verwertung und Entwertung.
4.
Unsere heutige Zeit, geprägt von lang anhaltender wirtschaftlicher Stagnation und zeitweiliger Volatilität, ist eine Ära der Entmenschlichung, begleitet von einer Flut »natürlicher« Kompensationsmechanismen, die jede klare Trennung zwischen Mensch und Nichtmensch, Produktion und Konsum sowie der Industrie und ihren ressourcenausbeutenden Hinterländern auflöst.4 Dieser sonderbare »Holismus« scheint nur die Form der Katastrophe anzunehmen, als gesammelter Effekt von Klimachaos, Massenaussterben, sozialer Unruhe und ökonomischer Instabilität. Wenn die Natur sich tatsächlich die Herrschaft über die Geschichte zurückgeholt hat, scheint sie dies nur getan zu haben, um diese zu beenden. Es ist kein triumphierender Humanismus, der diese Krise auflöst, sondern die Abschaffung der rassifizierten Ordnung durch das Schaffen des Kommunismus.
5.
Trotz der lautstarken Forderungen, die im Namen einer programmatischen politischen Ökologie erhoben werden – sei es Frieden oder Ordnung, Wirtschaftswachstum oder Degrowth, Nachhaltigkeit oder Ökosozialismus, Sozialökologie oder Tiefenökologie –, wurde zu den vorliegenden Themen kaum Klarheit geschaffen.5 Die unterschiedlichen Wertigkeiten der Krise – ökologisch, sozial, politisch, ökonomisch, klimatisch – erscheinen auf der Weltbühne als unabhängige Phänomene, die durch Pech, Gier oder politische Fehlkalkulationen zusammenkommen. Die behaupteten Lösungen sind so unterschiedlich wie die angenommenen Ursachen. Aber die zugrundeliegende humanistische Annahme, dass die »Menschheit« selbst das Subjekt-Objekt der Geschichte und unserer politischen wie moralischen Sorgen ist, wird nicht einmal von den radikalsten linken Analysen unserer Zeit herausgefordert.
6.
In der wirklichen Praxis ist diese Abstraktion, die wir »der Mensch« nennen, tatsächlich durch die Widersprüche vollbracht, die uns nun als polyvalente Krisen in unserer Zeit der Monster erscheinen. »Der Mensch« ist eine pervertierte Form der sozialen und ökologischen Beziehungen die die kapitalistische Produktionsweise ausmachen, eine Form die sich durch ihren externen Antagonismus mit der nichtmenschlichen Welt sowie ihrer internen rassifizierten und vergeschlechtlichten Verwaltung ihrer Daseinsformen konstituiert. Er betritt die geschichtliche Bühne als bestimmte Negation der ökologischen Dynamik und der Fortsetzung des Lebens auf dem Planeten.
7.
Die kapitalistische Zivilisation ist eine wiederkehrende Anthropogenese und zugleich Verfall des Menschen. Das Kapital setzt die Menschheit bloß voraus, um sie zu erniedrigen. Das Projekt ist nun, eine Theorie des Kommunismus als das Ende der kapitalistischen Welt zu artikulieren, das Ende des Menschenkults und das der Spezies.
8.
Die vorherrschenden »ökomarxistischen« Traditionen betrachten den Kapitalismus als eine gesellschaftliche Totalität, die sich nicht auf den unmittelbaren Produktionsprozess beschränkt; doch gerade diese Abkehr von der Produktion schränkt ihre Fähigkeit ein, die besondere Beziehung zwischen dem Nichtmenschlichen und dem Menschlichen zu erklären. Beide Begriffe gelten als ontologische Gegebenheiten und werden durch die kapitalistische Produktion auf destruktive Weise miteinander verknüpft. Für Menschen beinhaltet dies sowohl die Ausbeutung in der Produktion als auch die Verelendung in der Sphäre der Zirkulation. Für die nichtmenschliche »Natur« ist die Degradation – der metabolische Bruch – in erster Linie ein äußerer Effekt im Bereich des Kreislaufs. Die Produktion selbst wird weiterhin als Fortsetzung des transhistorischen menschlichen Arbeitsprozesses verstanden. Diese Darstellungen des ökologischen Marxismus betrachten die menschliche Arbeit als gegeben.6 Für uns liegt hier eine Abzweigung. Nur indem wir in die verborgenen Abgründe der Produktion vordringen, können wir erklären, wie das Auftreten eines Konflikts zwischen Mensch und Natur einen Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse der kapitalistischen Produktionsweise gewährt.
9.
Auf einer allgemeinen Ebene sind die metabolischen Aktivitäten in denen Menschen und andere Spezies mit ihrer Umwelt interagieren transhistorisch und ungewiss. Der Arbeitsprozess ist, wenn man in als eine Form metabolischen Austausches begreift, zugleich privat und sozial, konkret und abstrakt. Innerhalb einer kapitalistische Warenwirtschaft brechen diese Eigenschaften ein und die menschliche Arbeit ist nur innerhalb ihres abstrakten Charakters sozial. Konkrete Arbeit wird privatisiert und soziale Arbeit als menschliche Arbeit im Allgemeinen abstrahiert. Aufgrund dieser Verallgemeinerung wird die menschliche Arbeit in Form des Werts verdinglicht.
10.
Dieser allgemeine Einsatz menschlicher »Lebenskraft«7 existiert nicht wirklich in einem einheitlichen, praktischen und materiellen Sinne in allen Epochen. Es handelt sich um eine latente Potenz [potentia]. Hierbei handelt es sich letztlich um die Bedeutung der Arbeitskraft für Marx. Wenn die Abstraktion konkreter Eigenschaften der Arbeit uns letztlich nur ihren allgemeinen Aufwand vor Augen führen soll, ist unklar, was menschliche Arbeit von anderen, nichtmenschlichen Stoffwechselaktivitäten unterscheidet, seien es »Ökosystemleistungen«, thermodynamische Prozesse oder tierische »Arbeit«. Die Reduktion der »abstrakten Arbeit« auf eine abstrakte Allgemeinheit – sei sie nun »vitalisch«, »physiologisch« oder »thermodynamisch« – wirft dieses Problem auf, da nicht nachgewiesen werden kann, dass die »menschliche Arbeit im Allgemeinen« – die Stoffwechselaktivität der Spezies Homo sapiens – über irgendwelche a priori-Eigenschaften verfügt, die nicht auch jenseits der Artengrenze oder sogar in komplexeren ökosystemischen Prozessen anzutreffen sind. Man erinnere sich daran, dass es Marx bei seiner Untersuchung der »menschlichen Arbeit im Allgemeinen« darum ging, aufzuzeigen, dass sich jede menschliche Arbeit auf einfache Arbeit oder »reine« menschliche Arbeit zurückführen lässt. Kognition, psychosoziale Komplexität und symbolische Repräsentation spielen dabei keine Rolle.
- Karl Marx und Friedrich Engels, Die heilige Familie, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Marx-Engels-Werke, Bd. 2, Dietz Berlin, 1962, S. 38. ↩︎
- Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politische Ökonomie, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Marx-Engels-Werke, Bd. 42, Dietz Berlin, 1983, S. 213. ↩︎
- Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Marx-Engels-Werke, Bd. 23, Dietz Berlin, 1962, S. 93. ↩︎
- Unter diesen natürlichen Kompensationsmechanismen fassen wir »Extremwetterereignisse«, die das Ergebnis von Zusammenbrüchen in Klimazyklen sind, die Vermehrung zoonitischer und anthroponotischer Krankheitsausbrüche, die Neuorganisation von Lebensmittelnetzen und ökologischen Strukturen sowie das Auslösen weitreichender trophischer Kaskaden. ↩︎
- Als nicht erschöpfende Aufzählung seien hier beispielsweise die Befürworter*innen des »Green New Deal« genannt; der Kommunitarismus, Kollektivismus und Kommunalismus der Sozialökolog*innen; Tiefenökolog*innen, die sich für »Wildnis«-Reservate einsetzen, (kommunistische) Befürworter*innen des »Degrowth« (z. B. Jason Hickel, Kohei Saito); Klima-Leninist*innen wie Andreas Malm, Jacobin-Verfechter*innen der »ökologischen« Entwicklung der Produktivkräfte und Kritiker*innen des Degrowth (z. B. Matt Huber, Leigh Phillips); und sogar das bordigistische »Unmittelbare Programm« des Kommunismus. Zwar variieren die Inhalte dieser Rezepte stark und widersprechen sich in einigen Fällen direkt, doch sind sie alle insofern programmatisch, als es sich um positive ökologische Programme handelt, die im Wesentlichen durch einen konstruktiven Kampf im politischen Bereich verwirklicht werden sollen. ↩︎
- Dies trifft sogar auf Kohei Saito zu, den Liebling des ökosozialistischen Milieus, der die vielleicht umfassendste Kritik dieser Schule bietet, aber dennoch die Einzigartigkeit menschlicher Arbeit gegenüber den Tätigkeiten aller anderen Spezies egal in welche Zeitalter unkritisch akzeptiert. ↩︎
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